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Ausstellungskritiken


  • Der Eye-Catcher. Abstraktion und Impressionismus in Potsdam
  • Frauen haben Schönheit, Männer haben Charakter. Zu einer Ausstellung in Stuttgart
  • Seltsame Verwandtschaften: Caspar David Friedrich und Maarten van Heemskerck in Berlin
  • Alchimistinnen, oder: Überleben im Kochtopf. Zu einer Ausstellung Nürnberg
  • The Mystery of Banksy, oder: Wer ist der Elefant im Raum?
  • Romantische Frauen und Junonische Blicke: Ein Besuch im Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt
  • Kristalle, Krieg, Kunst. Facetten eines Museumsbesuchs bei Swarovski
  • Porträt eines jungen Mannes mit hingeworfenem Handschuh: Zur Rembrandt-Ausstellung im Städel
  • Samurai in München, oder: Tomoe Gozen, die es mit den Dämonen aufnahm
  • Mykene in Karlsruhe, oder: Wo war Klytemnestra?


Frauen im Bild



Der Eye-Catcher. Abstraktion und Impressionismus in Potsdam



„Weißt du“, sagte die Dame hinter mir im kennerhaften Ton der Kunst-Erklärerin zu ihrer ehrfürchtig lauschenden Begleiterin, „das rote Segel dort, das ist ein Eye-Catcher. Das ist genauso wie bei Handtaschen. Oder Schals. Man braucht etwas, was…“ – aber ich hörte schon nicht mehr zu. Ich war bei dem Eye-Catcher hängengeblieben. Denn die Dame hatte nämlich nicht nur recht, sie hatte geradezu ein ästhetisches Grundgesetz formuliert. Und das begab sich so:

Es war Sonntagvormittag, die Sonne strahlte, als hätte sie sich an diesem Vorfrühlingsmorgen in den Sommer verirrt, und wir standen im Potsdamer Museum Barberini vor einem Gemälde der Französin Berthe Morisot. Es zeigte eine typisch französische, ländliche Hafenszenerie in sehr hellen pastelligen Farben, Wasser und Himmel schienen in strahlender Morgenhelle ineinander überzugehen. Auf der rechten Bildhälfte lagen Segelschiffe aufgereiht an der Mole; sie hatten alle einen schwarzen Rumpf und waren unbespannt – bis auf eines, das ein rotes Segel hatte. Länglich-rechteckig geformt setzte es einen unerwartet starken Akzent ungefähr in die Bildmitte und zog damit natürlich alle Blicke – nein, nicht magisch, sondern ganz natürlich auf sich: ein Eye-Catcher eben. Und sogar der Vergleich mit dem modischen Eye-Catcher war ganz angemessen (instinktiv sah ich an meiner eher touristisch-pragmatischen Garderobe herunter, die nicht so sehr auf Museumbesuch in gehobenem Ambiente, sondern auch auf den anschließenden Parkspaziergang durch Babelsberg abgestimmt war; wenig, was das Auge fangen konnte, allerhöchstens die Handy-Hülle vielleicht, und nicht einmal ein bunter Schal!). Aber egal, schließlich war ich hier, um etwas zu sehen und zu lernen. Und die Geschichte mit dem Eye-Catcher – war ein Augenöffner in verschiedener Hinsicht.

Denn wir hatten zuerst die gerade laufende Sonder-Ausstellung mit dem ziemlich pompösen Titel Kosmos Kandinsky. Geometrische Abstraktion im 20. Jahrhundert besucht. Pflichtbewusst waren wir mit Scharen sonntäglich gestimmter Kulturbeflissener durch einige Säle voller abstrakter Kunstwerke aus der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts gestreift. Es war eine eher asketische Erfahrung gewesen, und hinterher wusste man wieder, warum abstrakte Malerei eben eine Programmkunst ist, die vielleicht konzeptuell notwendig war, aber für die Beschauerin – nun ja, eher wenig bietet, was das Auge fängt. Kandinsky ist natürlich ein Ausnahme. Man wusste auch gleich wieder, warum seine Werke über all das Experimentell-Notwendige der reinen Linienkunst strengerer Schulen hinaus bis heute mehr Erfolg haben: Denn sie sind nicht nur ästhetisch perfekt – das ist ein Mondrian auch –, sondern auf eine hinreißende Art und Weise verspielt und ironisch, und häufig kann man sich aus den einzelnen Abstraktions-Chiffren durchaus eine Geschichte zusammendenken. Aber sie haben nicht den einen roten Fleck, den magisch-natürlichen Anziehungspunkt für unsere Wahrnehmung, von dem aus man dann das Gemälde erkunden kann. Nein, man muss seinen Weg selbst in ihnen finden. Das ist anstrengender, und manchmal gelingt das; bei vielen anderen abstrakten Bildern gelingt es eher weniger, und ersatzweise flieht man – in den Programmtext. Zu irgendeinem Zeitpunkt, man kann darauf wetten, murmelt dann irgendjemand hinter einem: „Das hätte ich auch gekonnt“! Meistens stimmt das nicht ganz. Aber es ist auch nicht ganz falsch.

Der Grund dafür ist wahrscheinlich einfach: Das menschliche Gehirn will nicht Flächen und Formen und Farben in einer ästhetisch überzeugenden Anordnung wahrnehmen, was vielleicht interesseloses Wohlgefallen erzeugt, aber eher wenig Emotion. Nein, es will eine Geschichte, eine Stimmung, einen Augenblick, den es so noch nie gesehen hat und vielleicht in der Realität auch niemals sehen wird – denn nie wird ein reales Mohnfeld so hinreißend leuchten wie eines von Monet; nie blühen die Blumen so reich und so farbenstrahlend wie in einem Garten von Renoir, und sogar impressionistische Schnee-Bilder können ihrer reduzierten Farblichkeit zum Trotz die reine Augenlust sein! 

Das alles aber gibt es reichlich zu sehen in der Dauerausstellung des Museum Barberini, nur ein Stockwerk über der Sonderausstellung zur Abstraktion. Sie zeigt seit 2017 die beeindruckende Impressionisten-Sammlung des SAP-Mitbegründers Hasso Plattner im (ebenfalls von Plattner finanzierten) Wiederaufbau eines historischen Bürgerpalastes am Alten Markt in Potsdam. Das im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörte Stadtpalais wurde ursprünglich auf Befehl Friedrichs des Großen nach einem römischen Vorbild bei seiner ambitionierten Neugestaltung Potsdams errichtet (so viel Geschichte kann man in ein einziges Gebäude pressen!). Und man kann geradezu ein kollektives erleichtertes Seufzen vernehmen, wenn man die Programmkunst samt Kandinskys im Erdgeschoß hinter sich gelassen hat und durch das monumentale Treppenhaus endlich die lichtdurchfluteten Impressionisten-Säle erreicht. Dabei sind einige von ihnen durchaus in der Malweise auch eine Übung in farblich gesteuerter Abstraktion; aber sie verabschieden sich dabei nicht von der Realität. Sie machen sie nur – durchscheinender? Leuchtender? Lebendiger?

Und manchmal eben fängt ein kleiner Eye-Catcher den Blick. Es kann das rote Segel bei Berthe Morisot sein; es kann ein weißer Sonnenschirm bei Monet sein. Früher, als man noch keine reinen Landschaften malen durfte (niedriger Gegenstand, zu wenig Geschichte, zu wenig Symbolik, und wen interessiert schon Natur?), waren es die Staffagefiguren; scheinbar willkürlich, aber natürlich ästhetisch genau kalkuliert verstreute menschliche Gestalten, die irgendeiner belanglosen Tätigkeit nachgehen oder nur reizvoll anmutend daliegen und dastehen. In Stillleben sind es oft mikroskopisch kleine Insekten oder eine einzelne, farblich herausstechende Blüte. Auf mittelalterlichen Altarbildern ziehen heutzutage, wenn man die Betrachterinnen etwas genauer betrachtet, meist die winzigen Blumen im Vordergrund mehr Aufmerksamkeit auf sich als die lebensgroßen Heiligengestalten. Bei der Sixtinischen Madonna schauen wir auf die millionenfach reproduzierten Putten, nicht auf die Madonna mit ihren symmetrisch-perfekten Gesichtszügen. Ein Eye-Catcher – es kann ein Farbfleck sein, aber auch ein Ding, das nicht ganz dorthin gehört; eine Nebensache, die einen entlastet von der allzu großen Hauptsache. Hände sind oft Eye-Catcher, wie in Leonardo da Vincis Abendmahl, wo sie ganze Beziehungsgeschichten jenseits der aufgeregten Gesichter und Gewänder erzählen. Oder versteckte Spiegelbilder, wie in Velazquez' Las Meninas. Oder eine Gestalt, die aus dem Bild herauszuschauen scheint, direkt auf den Betrachter hin (meist ein Porträt des Künstlers selbst). Sogar ein Loch in der Bildmitte kann ein Eye-Catcher sein, wie der weiße leere Himmel genau in der Bildmitte zwischen Platon und Aristoteles in Raffaels Schule von Athen; man fällt geradezu geistig hinein in diese Lücke, und dann kehrt man verändert aus ihr zum Gemälde zurück!

Nicht jedes Bild, noch nicht einmal jedes „gute“ – im Sinne von: in den Kanon der Hochkultur eingegangenes – Gemälde hat einen Eye-Catcher. Aber wenn man einen findet, soll man sich ruhig von ihm einfangen lassen: Denn er erzählt die Geschichte von einer anderen Perspektive aus. Er bringt etwas Neues hinzu. Er provoziert. Er verrätselt. Er ist ein Je ne sais quoi. Das Quantum Überraschung, das uns aus unserem gewohnten Blick und Trott reißt. Ein Schönheitsfleck auf einem perfekten Gesicht. Ein Wortfetzen, aufgehascht im Vorbeigehen: „Weißt du“, sagte die Dame, „das rote Segel dort, das ist ein Eye-Catcher“.

Kosmos Kandinsky. Bis 18. Mai 2025 in Potsdam, Museum Barberini


Frauen haben Schönheit, Männer haben Charakter

Zur Ausstellung Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig in Stuttgart


Frauen haben Schönheit, Männer haben Charakter. Dieser – sicherlich etwas fragwürdige – Satz sprang mich an, während ich in Stuttgart in der Neuen Nationalgalerie durch die Carpaccio-Ausstellung bummelte. Das Konzept gibt sich einige Mühe, um der Ausstellung einen kleinen gender-gerechten Dreh zu geben: Denn hatte dieser nicht ganz so bekannte venezianische Maler mit dem Namen einer italienischen Vorspeise (die übrigens nach ihm benannt ist, nicht umgekehrt; der schöne Kontrast von Rot und Weißtönen soll angeblich den kulinarischen Erfinder Cupriani bei der Namensgebung inspiriert haben, der natürlich ebenfalls Venezianer war); hatte nicht dieser Zeitgenosse bekannterer Maler-Persönlichkeiten wie Giovanni Bellini, von dem auch einiges, ziemlich Sehenswerte in der Ausstellung zu sehen ist – hatte also dieser Vittore Carpaccio (um 1465-1525/26) nicht eine ganze Reihe weiblicher Porträts gemalt, dazu die obligatorischen Madonnen in andächtiger Hülle und zahlenmäßiger Fülle? Und hatten seine Frauen (manchmal sogar Maria!) nicht gelegentlich ein Buch in der Hand – also ein eher männlich konnotiertes Objekt, wie es die ebenfalls ausgestellten Gelehrtenporträts gern abbilden, aufgereiht in Regalen und oder isoliert in prächtigen Einzelexemplaren auf dem Schreibtisch? Aber bei genauerer Betrachtung und spätestens ab dem dritten Saal der Ausstellung verfolgte mich die Beobachtung, dass Carpaccios Frauen (aber, um ehrlich zu sein: die von Bellini und den weniger bekannten Zeitgenossen genauso) zu wenig Charakter hatten. Während die Männer geradezu hinreißende persönliche Physiognomien hatten – einige hätten man sofort vom Fleck weg heiraten wollen (oder wenigstens: ein wenig mit ihnen flirten), andere hätte man adoptieren wollen, als Sohn, Vater, weiser Ratgeber, was auch immer –, waren die Frauen flach. Sowohl ästhetisch flach – wenig ausgeprägte Gesichtszüge, ein kaum vorspringendes Näschen unter schmalen, wohlgezeichneten Augenbrauen, sehr milde blickende Augen und ein jugendlich anmutendes, weich gerundetes Gesicht – als auch charakterlich flach: Die legendären zehntausend Jungfrauen der Heiligen Ursula – komplizierte Heiligenlegende, aber gern gemalt und ja auch irgendwie eine ziemlich sensationelle Geschichte! – sehen aus wie Abziehbilder, eine wie die andere sanft, blass, wohlgescheitelt, flach. Lediglich die alten Frauen haben manchmal ein wenig ausgeprägtere Gesichtszüge, und damit eben auch: Charakter! Sie brauchen dazu auch keine Bücher.

Doch beginnen wir am Anfang. Die Ausstellung ist nicht besonders groß, und wie alle Ausstellungen, die nicht allzu viel und schon gar nicht besonders Berühmtes zum Vorzeigen haben, kompensiert sie das mit Text. Das ist nicht unbedingt schlecht und schon gar nicht falsch. Denn die Textarmut manch einer der neueren Super-Ausstellungen mit Leihgaben aus aller Welt und einer überwältigenden ästhetischen Ausstellungs-Choreographie ist schon ziemlich erschreckend; ist es denn wirklich so, dass man nur entweder schauen oder lesen (oder gar denken) kann, und eines schließt das andere kategorisch geradezu aus? Gebt uns ein wenig Informationstiefe, bitte, möchte man gelegentlich flehen zu einem der vielen Heiligen, die sich so dekorativ um die Gottesmutter scharen; irgendeiner wird sich doch dieses Problems als Patron annehmen können! Aber das ist nicht das Problem der Stuttgarter Ausstellung, es wird hier auch nur sehr am Rande erwähnt (und weil es eine gewisse Analogie zum Verhältnis von Schönheit und Charakter hat). Es gibt hier nämlich Text, und er ist sogar größtenteils gut lesbar und informativ und nicht allzu ideologisch verrenkt. Man lernt einiges über Venedig in seiner Blüte, über die politisch verwickelte Situation in der Zeit, über die Sozialstruktur der venezianischen Gesellschaft und ihr System der Kunstfinanzierung und -förderung. Und es bleibt sogar ein Quäntchen Ungeklärtheit und Unsicherheit als Rest dabei, dass der Betrachterin ermöglicht, eine eigene Frage zu finden.

Und die Frage, die sich mir hier aufdrängte, war nun eben die anfangs ausgeführte: Warum wird den Frauen, bei all dem demonstrierten malerischen Können Carpaccios (manche Maler können einfach keine Frauen malen, oder keine Hände, oder keine Babys), bei der zu Recht von der Kuratorin hervorgehobenen und durchaus interessanten Integration des Heiligen in das Alltägliche (und umgekehrt) in seinen Bildern – warum wird den Frauen so wenig Charakter zugestanden? Warum sind die Kaninchen, die in den friedlichen Gemächern Marias gefüttert werden, warum sind sogar die komischen Hühner, die unten durch die Gelehrtenbibliotheken laufen, gleich neben den Pantoffeln des Denkers – warum wirken all sie lebendiger als die Frauen? Warum sind alle Frauen, seien es Madonnen oder Damen der höheren venezianischen Gesellschaft, in diesen Bildern mehr oder weniger von ikonenhafter Identität?

Ziemlich wahrscheinlich und zum ersten (und den Gedanken könnte man anderweitig verfolgen), hat es zu tun mit dem Schönheitsideal der Zeit; deshalb sehen die Madonnen auch auf den Bildern seiner Zeitgenossen genauso aus. Dagegen ist wenig einzuwenden; Schönheitsideale ändern sich bekanntlich, auch wenn es einige anthropologische Universalien im Schönheitsempfinden zu geben scheint (Symmetrie ist das offensichtlichste; und interessanterweise werden ja künstlich erzeugte Durchschnittsgesichter oft als am schönsten empfunden).
Zum zweiten hat es vielleicht zu tun mit einer weiteren Beobachtung, die mich dann einen Saal weiter angesprungen hat: nämlich der extremen Leidenschaftslosigkeit der Figuren, egal ob männlich oder weiblich. Selbst wenn sie dahingemeuchelt werden – wie die Jungfrauen der Heiligen Ursula –, behalten sie einen gesetzten, madonnenhaften, engelreinen Gesichtsausdruck! Und auch die Meuchelmörder, diese Männer in den ganz wunderbar detailreichen Rüstungen, in die feinsten, körpernah getragenen Stoffe gehüllt, mit weichen blonden Locken und hinreißend geformten Muskeln, all diese Bilderbuch-Männer: Sie verziehen keine Miene, wenn sie den Bogen spannen, auf dem schon der Pfeil liegt, der der Heiligen Ursula – die natürlich keinerlei Regung von Furcht zeigt – das junge Leben nehmen wird; sie schneiden keine Grimassen, wenn sie einer Jungfrau kraftvoll ein Beil in den Kopf rammen, das das engelssanfte Gesicht in zwei Hälften teilt, oder wenn sie irgendein hilfloses Opfer mit Schwertern – Feinarbeit natürlich – durchbohren. Nein, alles ästhetisch ausgefeilt bis in den Lanzenspitzen! Oder das Meer der Kardinalshüte unter den roten Wimpeln, ein einziges Gedicht des Sehens, man hätte auch ein impressionistische Gemälde daraus machen können! Aber emotionslos, sogar die Porträts, denen der Ausstellungstext gern psychologische Tiefe zuschreiben möchte (na gut, für den einen oder anderen Männerkopf mag das funktionieren, vor allem: für die weniger schönen). Und so sterben die Jungfrauen ihren gruseligen, sinnlosen Märtyrertod in sanfter, widerstandsloser Hingebung für eine sinnlose Idee; so meucheln die Jungmänner ohne eine einzige Regung, weil es eben ihr Job ist, Jungfrauen zu meucheln. Und die einen sterben in Schönheit (wenn auch: flacher), und die anderen morden in Schönheit (sehr viel ausgeprägterer und charakterlich wenigstens ein wenig differenzierter).

Womit wir aber wieder bei unserer Ausgangsthese wären: Frauen haben Schönheit (wenn auch eine zeitgebundene); Männer haben Charakter (überzeitlich, weil sowieso individuell); und beides wird durch die ästhetische Ausdruckslosigkeit sogar noch verstärkt! Eine gute Studie zu dieser Geschlechterfrage gibt im Übrigen gleich das Eingangsbild der Ausstellung ab, das am meisten beworben wird und sicherlich die größte künstlerische Originalität hat. Es zeigt den mittelalterlichen Philosophen Thomas von Aquin, einen der Gelehrten-Heiligen des Mittelalters, gelegentlich auch seiner Engellehre wegen „Doctor angelicus“ genannt. Er sitzt frontal zum Betrachter an seinem Schreibtisch (keine vorteilhafte Stellung, in ästhetischer Hinsicht; in pädagogischer hingegen schon); zu seinen Füßen ist eine Bücherkiste verborgen, auf der er gleichsam ruht (ja, symbolisch relevant). Sein erhobener Zeigefinger zeigte nach oben (in einer Geste, die der Ausstellungstext dann doch etwas bemüht als potentiell ironisch zu deuten vorschlägt; nein, auch eher symbolisch relevant), wo über ihm die Engelein in sanften Wolken schweben und ganz oben Maria mit dem Jesuskind in einer Gloriole thront – jung, sanft, rundlich, flach. Links neben dem in eine schlichte Mönchskutte gehüllten Doctor angelicus steht, eifrig mitschreibend, der Heilige Markus als Stadtpatron von Venedig, gehüllt in eine faltenreiches Gewand in ansprechendem Carpaccio-Rot mit blau-grünem Umhang; ein schöner Mann im frühen Alter, mit noch vollem Haupthaar und gepflegtem Vollbart. Auf der anderen Seite steht der Heilige Ludwig von Toulouse, er zeigt ein aufgeschlagenes Buch vor, die Seite ist, so erläutert der Text, aus der Apokalypse. Ludwig trägt den spitzen weißen Kardinalshut, den Carpaccio so gern malt, eine kostbare Robe in Rot (rot-weiß, das Carpaccio-Motiv!) und den Bischofsstab. Nach einem heiligenmäßigen Leben starb der Heilige Ludwig von Toulouse mit nur 23 Jahren; und als junger Mann ist er auch dargestellt (daran erkennt man ihn im Übrigen auf Heiligendarstellungen, er hat sonst eher wenig Attribute aufzuweisen).

Der Heilige Thomas von Aquin selbst jedoch hat interessanterweise ein eher flach-rundliches Gesicht; er wirkt ein wenig androgyn, ist das nun seine Engelhaftigkeit, eine Nähe zu Maria, die sich physiognomisch ausdrückt? Und gleichzeitig erinnert er an einen himmlischen Beamten, wie er da so gerade an seinem Schreibtisch sitzt. Man stellt ihn sich eher von kleiner Statur vor, wenn er aufstehen würde gedrungen, mit schon zurückgehendem Haupthaar (oder ist das eine Art Mönchs-Tonsur?). Ein wenig mehr Ausdruckstiefe hätte man auch ihm gegönnt, ein wenig mehr Persönlichkeit, ein wenig mehr Eigensinn. Aber andererseits sind auch seine Texte nicht gerade bekannt für Ausdruckstiefe, Persönlichkeit oder Eigensinn; sie sind vielmehr Muster scholastischer Gelehrsamkeit und Gründlichkeit (was gar nicht so abwertend gemeint ist, wie es sich anhört; auch Gelehrsamkeitsideale haben ihren Moden und Zeiten, und die Scholastik war wahrscheinlich eine der besseren). Und vielleicht ist gerade in diesem Mischcharakter, dieser Zwitterhaftigkeit von Thomas von Aquin (den ich mir lieber mit einer ausgeprägt männlichen Physiognomie vorgestellt hätte) am besten ausgedrückt, dass Reinheit und Engelhaftigkeit eben einhergehen mit – Charakterlosigkeit. Persönlichkeitsarmut.

Frauen haben Schönheit, Männer haben Charakter – aber gibt es Schönheit überhaupt ohne Charakter? Und verleiht ein ausgeprägter, ein eigensinniger, ein origineller Charakter automatisch auch eine andere Art von Schönheit? Oder hat beides sowieso gar nichts miteinander zu tun, sind es Begriffe auf verschiedenen scholastischen Ebenen – das eine rein äußerlich und ein ästhetisches Phänomen; das andere eine nicht genau definierbare Mischung von äußerlichen und innerlichen Merkmalen, vielleicht sogar: ihrer gegenseitigen Durchdringung, dazu eher auf einer persönlichen oder gar: moralischen Ebene angesiedelt? Ach, auch Begriffsfragen sind immer Definitionsfragen, und beide haben ihre Moden und ihre zeitgebundenen Aspekte. Was man aber in dieser Ausstellung sehen und darüber hinaus: erfahren kann, ist: Wenn Frauen auf ein rein äußerliches Ideal von Schönheit (wie zeitgebunden auch immer), nennen wir es: von Oberflächenschönheit verpflichtet werden, wird ihnen eine Persönlichkeitsentwicklung in gewissem Sinne abgesprochen. Man hat, vielleicht kann man es so am besten sagen: noch kein Ideal einer weiblichen Schönheit vorrätig, das eine charakterliche Tiefe und die Ausprägung von ein wenig eigensinnigen äußeren Attributen andeuten könnte. Das mag durchaus zusammenhängen damit, dass Frauen in dieser Zeit wenig Möglichkeiten zur Ausbildung und persönlichen Entwicklung hatten, während einem jungen, begabten, vielleicht gar noch reichen venezianischen Jüngling aus gutem Hause die Welt der Bildung wie die Welt der Politik, des Handels, aber auch: die Welt des Kampfes und des Krieges offenstanden. Dass professionelle und erfolgreiche Maler wie Carpaccio deshalb die Männer auch in ihren Massendarstellungen als Porträtstudien einflussreicher venezianischer Bürger und Adliger nutzten, ist nur folgerichtig und kluges Kalkül; es führt aber dann zwingend zu einer viel reicher entfalteten Darstellung männlicher Schönheit als ausgeprägter Charakteristik männlicher Persönlichkeit; einer, nennen wir es: durch Lebensalter und Erfahrung erworbenen Tiefenschönheit.

Männer können deshalb (das kann man genauso gut bei den großen florentinischen Renaissance-Malern sehen) in allen Lebensalter und in allen Situationen schön sein, beim Meucheln von Jungfrauen ebenso wie beim Flanieren über den Markusplatz mit zierlichen Jagdhunden als modischen Accessoires; sie können sogar unter dem Kardinalshut attraktiv sein! Frauen hingegen dürfen gepflegt ein Buch halten oder ein Baby, manchmal auch beides (wenn man die Madonna ist), es macht aber nicht viel Unterschied. Doch nichts würde die Betrachterin sich mehr wünschen, als: Dass die junge lesende Frau, die ganz allein und sehr versenkt in ihr zierliches Buch auf einem Balkon sitzt, hinter ihr eine sanfte italienische Küstenlandschaft mit blauem Meer; dass diese weibliche Gestalt, ein perfektes Dreieck in einer überaus klassischen Bild-Komposition, deren Gewand in seinen Falten geschickt dieses Dreiecksmotiv aufnimmt; dass dieses Mädchen, das einen kaum sichtbaren feinen Schleier über Haupt und Haar trägt und in einem klassischen Profil abgebildet ist, die Züge klar und mädchenhaft gezeichnet, die Hand zart; dass sie sich also aufrichten würde und sich zur Betrachterin umwenden, und dass ihr Antlitz dann – ein klein wenig persönlich wäre, jenseits der madonnenhaften Gleichmut und idealischen Reinheit. Dass man in ihm Spuren ihrer Lektüre sehen könnte; und dass ihre jugendliche Schönheit zumindest eine Ahnung von künftiger Tiefenschönheit hoffen lassen könnte (sie muss dazu ja nicht gleich rätselhaft lächeln wie die Mona Lisa). Wäre das nicht wirklich wunderschön und eine gelungene Szene weiblicher Emanzipation?

Denn wahre Schönheit, um mit einem großen Wort zu enden: Wahre Schönheit ist beides, Tiefen- und Oberflächenschönheit, eines durch das andere. Und jede/r Betrachter/in ist ihr hilflos ausgeliefert.

Die Ausstellung ist noch bis zum 2.3.2025 in Stuttgart zu sehen


Seltsame Verwandtschaften

Caspar David Friedrich und Maarten von Heemskerck in Berlin



Erst dachte ich, die eine Ausstellung sei das völlige Gegenteil der anderen Ausstellung, schon von den Räumen, vom Ausstellungskonzept und vom Publikum her. Die erste war in den heiligen Hallen der Alten Nationalgalerie auf der antik inspirierten Museumsinsel; auch der ziemlich heftige Sommerregen konnte dem langen Strom anstehender und vielleicht eher sensationssuchender denn bildungswilliger Touristen nichts anhaben, und drinnen war es, trotz der meist großformatigen Nacht- und Nebelbilder, eigentlich eher hell von der Stimmung. Die andere war in einem etwas schwierig zu findenden Seitenflügel der Neuen Nationalgalerie im modernistisch-asketischen Kulturforum versteckt; sie war zentriert um einen schummrigen Innenraum, in dem kreisförmig angeordnet kleinformatige Zeichnungen Ruinen, Statuenreste und Stadtansichten die einzigen Leuchtelemente schienen, und besucht von einem kleinen Grüppchen von Bildungsbürgern im altmodischen Sinn. Hier ein Romantiker, wenig erfolgreich in seinem Leben, von tiefer Gläubigkeit, beschränkt auf deutsche Landschaften, der eine späte Renaissance erlebte; dort ein Renaissance-Künstler, professionell anerkannt und wirtschaftlich relativ erfolgreich in seiner Zeit, auf Bildungsjahr in Rom und interessiert an Genauigkeit des Details und Präzision der Einzelformen, zudem weniger an religiöser Inbrunst als an allegorischer Verwendbarkeit. Zwei Jahrhunderte liegen zwischen ihnen: Der eine starb 1574, der andere wurde 1774 geboren. Der eine war Caspar David Friedrich (1774-1840) mit seinen unter dem Titel Unendliche Landschaften präsentierten Gemälden; und der andere Maarten van Heemskerck (1498-1574) mit seinen unter dem Titel Faszination Rom gezeigten Zeichnungen.

Nun war ich anfangs durchaus geneigt, diese ja deutlich sichtbaren Unterschiede zwischen beiden auf den handlichen Gegensatz von Romantiker und Realist zu bringen.  Aber mit etwas Abstand, wieder zurück aus dem trubeligen Berlin und mit Blick auf den idyllischen Garten, komme ich ins Zweifeln: Waren sie sich, trotz aller offen-sichtlichen Unterschiede in Präsentation, Thematik und Auffassung nicht doch gar verwandt, wenn man etwas tiefer in den Bildhintergrund zurücktritt? Und würde man nicht (wie so oft) weiter kommen und ein tieferes Verständnis auch des Einzelnen gewinnen, wenn man es gerade von seinem vermeintlichen Gegensatz betrachtet?


Aber der Reihe nach. Zuerst also war Caspar David Friedrich an der Reihe, einer der Stars des diesjährigen Ausstellungsjahres. Seine bekanntesten Werke sind inzwischen allgemeines Bildungsgut, und man muss deshalb etwas genauer hinschauen, wie immer, wenn man Bilder schon allzu zu oft gesehen hat und deshalb meint, sie allzu gut zu kennen (und sie zudem bedenklich oft am Kitsch angesiedelt scheinen). Außerdem haben Caspar David Friedrich und ich Geschichte, sozusagen. Sein Einsamer Baum war nämlich der erste Kunstdruck, den ich mir jemals kaufte. Es war sogar ein hochwertiger Druck auf stabilem Papier und relativ farbecht, denn er überlebte mehrere meiner jugendlichen Umzüge und begleitete mich durch die halbe Republik. Ich kaufte ihn (und ich meine zu erinnern: tatsächlich von meinem eigenen Geld!) bei meinem ersten Besuch im geteilten Berlin mit meiner Familie; ich ging noch ins Gymnasium und hatte meine Eltern, die im Rückblick erstaunlich geduldig mit den Bildungslaunen ihrer seltsamen Tochter umgingen, in die damals noch in Berlin-Dahlem residierende Gemäldegalerie verleitet, wo ich den Einsamen Baum dann entdeckte. Was er in meinem jugendlich-unsicheren  Kopf anrichtete, kann sich jede mit ein wenig Küchenpsychologie selbst ausmalen (ein einsamer Baum, offensichtlich schon alt und von Gewittern und Stürmen zerzaust, aber sehr charakteristisch in einem offenen Gelände; vor ihm ein kleiner Tümpel, im Hintergrund eine verdächtig symmetrische Bergkette; und bis heute dreht sich mir das Herz um, wenn ich ihn sehe).

Aber darauf kommt es nur insoweit an, als es demonstriert, wie diese Bilder unmittelbar wirken: Sie zeigen keine konkreten Landschaften (obwohl viele von ihnen vage räumlich zugeordnet sind), sondern Seelenlandschaften – und das ist wörtlich zu nehmen, nicht als verquaste Metapher! Und in Seelen, zumal jugendlichen, geht es eben gern ein wenig neblig und verschwommen zu. Sie blicken in eine nur unscharf zu erkennende Ferne, sie verträumen Mondnächte, sie suchen blaue Blumen, wo keine zu finden sind, sie schauen auf hohe Berge und weite Meere und fühlen sich klein, verschwindend, und doch irgendwie: erhoben-erhaben. Dass an entscheidenden Stellen oft kleine Kreuze stehen, dass die winzigen Figuren häufig Mönche sind und die Ruinen Kloster waren – erscheint eher nebensächlich, Religion ist eben malerisches Beiwerk, vor allem, wenn sie im Verfall ist. Nein, wir sehen in Friedrichs Landschaften das, was wir sehen wollen, sie sind unendliche Projektionsflächen. Goethe (dessen Anerkennung Friedrich so gern gehabt hätte, aber nicht bekam) sagte in einem seiner gehässigeren Momente, man könne sie auch andersherum aufhängen (und es stimmt, für einige, wenn auch nicht für den Einsamen Baum; aus einer anderen Perspektive spricht das aber gar nicht gegen sie). Und Kleist schrieb, in einer seiner taghellen und überklaren Momente (die ihm sein Leben so besonders unerträglich machten), der Blick auf sie sei so, als seien einem die Augenlider weggeschnitten. Stimmt auch, und wie die Äußerung Goethes spricht das in gleicher Weise für und gegen sie.

Was diese Bilder aber nicht sind, ist: Abbildungen. Denn Friedrich ging gern und viel durch die Natur, er erwanderte sich große Teile Deutschlands; und er skizzierte die Natur in sehr gründlichen und detaillierten Zeichnungen, die man auch problemlos in einem Kreis in einer Kabinettsausstellung anordnen könnte. Aber dann ging er in sein sehr ordentlich aufgeräumtes Atelier (die Ausstellung zeigte von Kollegen gemalte Bilder davon, es sind sehr untypische Atelierbilder) und malte – eine Collage aus Naturversatzstücken. Mit Kreuz obendrauf und Wolken, die für ihn höhere Religionsmalerei waren. Als Goethe ihn beauftragen wollte, zu wissenschaftlichen Zwecken Wolken-Illustrationen zu malen (er selbst hatte gerade die Wolkenlehre als neues wissenschaftliches Hobby entdeckt), lehnte Moritz ab. Er war kein Illustrationsmaler, sondern er malte den Himmel!

Und genau das, diese Collagenhaftigkeit, stupste mich auf die unerwartete Hintergrundverwandtschaft von Friedrich und Heemskerck. Denn der Niederländer streift durch Rom, das im 16. Jahrhundert ein einziges Freilichtmuseum mit Antikebruchstücken gewesen sein muss, die jeder einfach einsammeln und dann im Innenhof seines Palazzo ausstellen konnte: Säulenfragmente, abgebrochene Bögen, hier ein Frauenarm, dort ein Männertorso; pittoreske Ruinenensembles vergangener Größe, eingewachsen, umschlungen von Natur. Aber es ist im Kern eine Kulturlandschaft, in der Vergangenheit und Gegenwart ineinander verwachsen sind und in der ein Mensch, ein Pferd, ein Schuh vor allem eines gemeinsam haben: Sie sind von der Art berückender Perfektion, die wir Schönheit nennen und gelegentlich in ihrer unabweisbaren physiologischen Wirkung zu unterschätzen neigen. Während ich durch die kleine, geradezu intim abgedunkelte Ausstellung streifte – besucht von einem eher älteren Publikum mit größtenteils intimen Romkenntnissen, das auch entlegenere mythologische Anspielungen mühelos erkannte -, musste ich mit einem Anfall von Stendhal-Syndrom kämpfen: Jede einzelne Zeichnung war einfach unglaublich vollendet, in den Einzelformen ebenso wie im zufällig wirkenden Collage-Charakter der Blätter. Ein ausdrucksvoller Männerkopf, ein muskulöses Pferdebein, der präzise geschnürte Kolossalschuh, ein schräg gebrochenes korinthisches Kapitell – das alles passt auf ein Blatt, von der Rückseite scheinen noch zwei Frauenporträts durch und machen das Ganze ein wenig surrealistisch, aber immer noch: Perfekt. Schön. Alles stimmt. Man braucht die großen allegorischen Gemälde gar nicht, zu denen die Details dann zusammengesetzt werden können; man braucht nicht die Weltlandschaften (obwohl sie grandios sind und wirklich eine Welt für sich) und schon gar nicht die Kupferstiche, in denen diese unendlich lebendigen Zeichnungen in gewisser Weise stillgestellt und getötet sind. Nein, man will nur durch den Kreis streifen und die Details studieren, und dann die Komposition bewundern, und dann wieder die Details – so, als wären einem die Augenlider weggeschnitten?

Und nein, äußerlich ist alles anders: Hier gibt es keinerlei Ferne (außer in den Weltlandschaften), sondern größtenteils extreme Nähe. Und es gibt keine Nebel und keinen Dunst und keine Mondnacht, sondern die gleißende Helligkeit des Südens und die äußerste Präzision von feinem Rötel und Bleistift. Aber ich bin mir sicher: Wenn man Friedrichs Einsamen Baum mitten unter die Rom-Blätter von Heemskerck stellen würde, genau in die Mitte des Kreises – er würde sich nicht unwohl fühlen dort. Vielleicht hat das damit zu tun, dass beide Welten eigentlich keine Menschen brauchen. In der einen sind sie allenfalls Rücken- und Staffagefiguren, in der anderen zu Statuen geronnene Idealkörper. Menschen stehen heute in Ausstellungen in etwas größerer Entfernung vor den Gemälden, oder in intimer Nähe vor den Zeichnungen. Sie schauen auf die Bilder und sie projizieren dabei ihre eigenen Empfindungen und Sehnsüchte (die ganz unterschiedlich sein können) hinein. Aber die Bilder bleiben davon unberührt. Sie zeigen etwas, aber sie wollen nichts bedeuten (na gut: Sie wollen nicht primär etwas bedeuten, man soll weder Religion noch Allegorie unterschätzen, nur weil sie äußerlich aus der Mode gekommen sind und man den Bildern sozusagen den Rahmen weggeschnitten hat). Sie sind einfach da, für immer. Und ich bin mir ganz sicher, sie leuchten auch weiter, wenn im Kühlschrank das Licht ausgeht!



Alchemistinnen, oder: Überleben im Kochtopf?


„Alchemist*innen“! Da stand ich und lachte zynisch vor mich hin in der Kabinetts-Ausstellung im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum. Schön gender-korrekt war die kleine Ausstellung beschildert und erläutert, aber wer denn, bitte schön, hatte schon jemals von weiblichen Alchemistinnen gehört? Was immer man nun von der geheimnisumwitterten Disziplin meint – Schabernack oder Vorform der Naturwissenschaft, dunkle Magie oder ganzheitliches Naturverständnis hin oder her: Frauen, die sich auf die Suche nach dem „Stein der Weisen“ gemacht hätten und angefangen, Substanzen in seltsamen Geräten zu mischen und zu destillieren und zu sublimieren, sie wären doch wohl als Hexen auf dem Scheiterhaufen gelandet! Ach, was man so alles zu wissen weiß in seinem soliden Halb-, aber wahrscheinlich eher: Viertelwissen! Ein paar Tafeln später nämlich war ich klüger und belehrt: Es gab Alchemistinnen! Und sie hatten sogar Dinge erfunden!

Nun, ein paar Wikipedia-Artikel weiter, bin ich noch klüger und wenigstens solide halb- bis dreiviertelbelehrt, und viel mehr wird es wohl auch nicht mehr werden, denn: Es waren sehr wenige Vertreterinnen der Zunft, und man weiß fast nichts von ihnen von ihnen. Das hat nicht nur mit dem klandestinen Charakter von alchemistischem Wissen schlechthin zu tun, sondern mit der Überlieferungslage. Denn die wenigen bekannten Alchemistinnen sind – aus der Antike. Und ich trage nur ein paar Brocken weitgehend spekulativen Vermutungswissens zusammen, weil es vielleicht doch für die eine oder andere Hobby-Alchemistin ermutigend und nützlich zu wissen ist.

Also: Die erste war Marie die Jüdin. Oder auch Marie, die Prophetin. Oder auch Marie, die Koptin genannt, oder auch: die Tochter Platons, und das alles demonstriert schon die deplorable Übermittlungslage. Gelebt hat sie wohl zwischen erstem und drittem Jahrhundert in Alexandria; man weiß von ihr aufgrund der Schriften eines gewissen Zosimos von Panopolis, der einige ihrer Experimente und Geräte lobend erwähnt. Man schreibt ihr ein Axiom zu, es geht so: „Eines wird zwei, aus Zwei wird Drei, und das Eine des Dritten ist das Vierte; so werden die zwei eins“. Ja, so ähnlich wie Faust im Hexeneinmaleins, und das versteht auch niemand so genau. Aber immerhin, ein Axiom ist nach ihr benannt! Sie soll außerdem, aber das ist in der Geschichte der Alchemie gar nicht so selten, die wahre und grundlegende Vereinigung überhaupt in der Vereinigung von Mann und Frau gesehen haben; und ja, das „Dritte“ mag durchaus ein Kindlein sein, schwierig wird es erst danach mit dem „Vierten“. Und schließlich soll sie mehrere Geräte erfunden haben, von denen heute noch eines nach ihr heißt (obwohl sie ausgerechnet dieses ziemlich sicher nicht erfunden hat): die bain-marie, das Wasserbad nämlich (ein doppelwandiger Topf, wie man ihn in der Küche beispielsweise zum schonenden Schmelzen von Schokolade verwendet).

Es gibt auch noch eine Cleopatra, gleicher Zeitraum, vielleicht ihre Schülerin, noch sagenumwobener; und dann gibt es Pernelle Flamel, die Ehegemahlin des bekannteren Alchemisten Nicholas Flamel, 14. Jahrhundert. Was sie genau zur Geschichte der Alchemie beitrug, ist genauso unklar wie bei ihren Vorgängerinnen; außer, dass sie es war, die die Unternehmungen und Veröffentlichungen ihres Ehemannes mit ihrem nicht unbeträchtlichem Kapital aus früheren Ehen finanzierte. Wem dieser Name aber nun bekannt vorkommt: Ja, genau, Nicholas Flamel spielt eine Rolle in einem der wesentlichen alchemistisch inspirierten Texte der Gegenwart, in J.K. Rowlings Harry-Potter-Universum nämlich.

Wie wird man also berühmt als Alchemistin? Man erfindet – oder findet – nicht den Stein der Weisen; das ist auch keinem der männlichen Kollegen erfunden (und man hätte es ziemlich sicher nicht überlebt). Man erfindet auch nicht eine Methode, wie man Gold macht; auch wenn bei diesem erzvergeblichen vergeblichen Bemühen immerhin das Schießpulver und das Porzellan entdeckt wurden (zwei Entdeckungen, die der Ausstellungstext immer im gleichen Atemzug als wesentliche Errungenschaften des menschlichen Erfindungsgeistes preist; man weiß gleich wieder, warum man ihm nicht traut, diesem Erfindungsgeist). Man erfindet vielleicht eine Art Kochtopf, der in die Küchengeschichte eingeht, wenn auch auf dem bewährten historischen Überlieferungsweg des Missverständnisses. Am sichersten aber geht man, wenn man in Harry Potter erwähnt wird. Das ist der wahre Weg zur Unsterblichkeit!

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg: Stein der Weisen. Geschichte der Alchemie.
27.09.2023 – 30.06.2024


„The Mystery of Banksy“, oder: Wer ist der Elefant im Raum?



The mystery of Banksy: Natürlich wollen wir wissen, wer hinter dem Geheimnis steckt. Und am allerliebsten würde man selbst einmal einen echten Banksy entdecken, über Nacht hingetuscht in eine Ecke, wo man sonst nur Mülltonnen und Ratten vermuten würde, und auf einmal ist da ein Kunstwerk, dass einem den Atem stocken lässt und den Ort neu definiert. Und natürlich kann man Banksy deshalb eigentlich gar nicht ausstellen: Seine Kunstwerke leben von dem Ort, seiner Geschichte, seinem Problem, aber auch: seiner Ästhetik, seiner Authentizität, seinem unverwechselbaren vibe. Aber trotzdem versucht es der Kunstbetrieb, der noch jeden gefressen hat. Und wir gehen hin, trotz gemischter Gefühle, nämlich nach Stuttgart, mitten ins kommerzielle „Herz“ der schönen klassizistischen Königsgalerie, einem Shopping-Center natürlich; und damit sind wir auch schon mitten im Ort, im Problem, im vibe. Reißen wir uns zusammen, ignorieren wir die Versuchungen der bunten Konsumwelt, bezahlen wir den nicht geringen Eintrittsbetrag – nein, leider keine Garderoben! – und begeben uns durch das Tor mit dem Affen in die Welt von Banksy. Es wird, sagen wir es so: ein Emotions-Wechselbad (aber Wechselbäder sind ja bekanntlich gut für die Anregung des Gedanken-Kreislaufs)!

Der Vorwaschgang

Am Anfang steht, wie schon angedeutet, ein sehr gemischtes Gefühl: Wird die Reinheit der künstlerischen und politischen Intentionen von Banksy nicht, irgendwie, beschmutzt durch eine nur zweifelhaft autorisierte Zusammenstellung bzw. Nachbildung und Nach-Inszenierung seiner Kunstwerke? Sind sie als Street art nicht gerade nicht fürs Museum gemacht, nicht für den Konsum der bildungshungrigen Eliten, nicht für den Small-Talk von Ausstellungsgästen? Aber, andererseits: Künstler müssen ja auch leben. Der Kunstbetrieb muss leben. Wir alle brauche geistige Nahrung. Ach, es ist so schwierig, in unserer Welt der Wechselwirkungen und unerwarteten Dialektiken!

Im Hauptwaschgang

Und seht nur, dort hängt ein Bild, das wir aus den Museen kennen, Bildungsbürgerinnen, die wir sind! Es ist Vermeers berühmtes Mädchen mit dem Perlenohrring, nur, dass der Perlenohrring, ja, was denn nun: genau, eine Alarmanlage ist, gelb und eigentlich auch gar nicht unästhetisch. Hübsch, ist man geneigt zu sagen, und wissend zu lächeln. Der Mann kennt sich aus in der Kunstgeschichte! Und, apropos, Mädchen: Könnte Banksy eigentlich, lustige Idee, auch eine Frau sein? Aber dann ist er wieder so aggressiv, so obszön, so direkt. Nein, ein angry young man ohne jede Frage, auch wenn er eigentlich nicht mehr so arg jung sein kann. Wenn er eine Frau wäre, hätte er nämlich einen Mann mit einem Perlenohrring gesprayt, so!

Aber nun gut, er hat ja recht mit seiner Kritik, am Krieg in all seine Formen, am Unterdrückungsstaat, am Umgang mit Flüchtlingen, am Hunger in der Welt. Man spürt ein wenig Betroffenheit, dann zunehmende Betroffenheit, die irgendwann in Scham umschlägt. Ja, das haben wir mit der Welt angerichtet, und er zeigt es uns, mit einfachsten Mitteln. Jajaja, haec mea, nostra, omnia maxima culpa! Aber gerade wollen wir in (Selbst-)Mitleid versinken, da sehen wir einen roten Elefanten im Raum. Ja, wirklich, er ist ganz rot, über und über rot, aber er sieht aus wie ein richtiger afrikanischer Elefant, und in der ursprünglichen Installation, so lassen wir uns belehren, war es auch ein echter Elefant! Ach, ist das schön und lustig und witzig! (was nicht alles das Gleiche ist) Ach, ist das eine Wonne, wenn Kunst schön und lustig und witzig sein kann! Der Mann mit dem Spray-Gerät in der Londoner Metro auf dem Rücken: Da wäre man auch gern dabei gewesen, mitten in der Wüsten-Corona-Zeit, wie er seine Ratten verteilte, so als würde er die Wände desinfizieren! Oder das (very british) Affenparlament, eine ganze Wand voller gestikulierender Affen, wie treffend und boshaft und trotzdem – schön! Der Mann (und es ist immer noch ein Mann) hat Geschmack und einen traumhaften Schönheitssinn bei aller Wut: Kein Strich zu viel, keiner am falschen Platz und ausgewogen in der Verteilung wie ein gut gereifter Mondrian!

Dass der Kunstmarkt ihn schon fast gefressen hat – nun gut, ist das seine Schuld? Und immerhin hat er den Gag mit dem sich selbst zerstörenden Kunstwerk inszeniert, das war ein Volltreffer; auch wenn die Aktion dann dazu geführt hat, dass das zerstörte Bild bei der Auktion einen noch höheren Preis erzielte und der glückliche Besitzer wahrscheinlich die finanzielle Investition seines Lebens gemacht hat. Und zwar mit dem kaputten Bild eines politisch aufmüpfigen, alle Autoritäten destruierenden und den Konsum verachtenden Street-Art-Künstlers, laut Aussage von irgendwelchen Kunsthistorikern im Video dem bedeutendsten Künstler unserer Zeit, vergleichbar mit den ganz Großen. Ist es nicht wunderbar in unserer schönen neuen Welt der Widersprüche?

Wir gehen weiter und versuchen unsere inzwischen noch stärker durchmischten Gefühle nicht reflexiv zu sortieren, sondern ein wenig weiter wirken lassen. Dazu kommt nun ein Anflug von Scham mit einem Hauch von Fremdschämen: Die Monarchie-Kritik ist nicht nur obszön, sondern auch dumm; natürlich kann jeder auf einer durch Erbfolge weitergegebenen, von der Zeit sicherlich überholten Pseudo-Regierungsform rumhacken, aber das Lebenswerk von Individuen, die sich den Job nicht ausgesucht haben und die ihn diszipliniert und mit großer Strenge gegenüber sich selbst durchgezogen haben, in plakativem Schwarz-Weiß zu verspotten – nein, einfach nur unreif und dumm, da muss man wohl irgendwann erwachsen werden, auch wenn man ein angry young man ist und alle Welt einen liebt und Beifall klatscht! Und ja, die Polizei ist schlecht, Schweine, wir haben verstanden. Zur Scham kommt gegen Ende ein wenig Überdruss, ja auch: Langeweile. Politische Botschaft, schön und gut, nötig, zweifellos, in den meisten Fällen auch: genial situiert. Aber zu viel moralische Eindeutigkeit und breitseitige Pauschalkritik – boring. Uninspirierend. Geht das nicht eine Winzigkeit komplexer, vielschichtiger, mehrdeutiger? Vielleicht würde ein wenig Lebenserfahrung helfen?

Im Schleudergang der Reflexion

Aber dazu brauchte man ja, und das sieht man erst hinterher mit ein wenig mehr Reflexion und nach Aufdröselung der gemischten Gefühle, eine Persönlichkeit. Betroffenheit ist keine Teilnahme; es ist nur der oberflächliche kleine Bruder eines echten Austausches von Person zu Person. Es gibt aber keine Persönlichkeit in der Anonymität; es gibt nur eine intuitive Anmutung von aggressiver Männlichkeit, ewiger Jugendlichkeit-cum-Revoluzzertum und – zweifellos – gewachsenem künstlerischen Können und auch Wollen. Aber wer verbirgt sich hinter der Ratte, die wohl das ist, was einer Identifikationsfigur am nächsten käme? Kann man ein großer Künstler sein, wenn man sich – versteckt? Oder noch weiter gefragt: Kann man bedeutende Kunst machen, wenn man seine Themen immer nur aus den zeitgenössischen Katastrophen und den immerwährenden moralischen Verfehlungen anderer herauszieht, eine Art künstlerisches Schmarotzertum pflegt, das sich vom zuverlässig perennierenden Unwert der Zeit ernährt? Kann das nicht eine KI im Zweifelsfall besser (der man immer ihre Unpersönlichkeit, ihr dunkles black-box-Geheimnis vorwirft)? Was würde aus Banksy in einer perfekten – na gut: in einer möglicherweise besten aller möglichen Welten? Ist es wirklich das größte Kunststück dieser unserer künstlerischen Gegenwart, dem Mädchen mit dem Perlenohrring den Ohrring durch eine Alarmanlage zu ersetzen und Monets Garten mit Einkaufswägen zu verunzieren? Wo ist das Eigene, wo ist das Neue, wo ist das Selbst Erfahrene, Verarbeitete, Gestaltete? Leonardo hatte ein Gesicht, Mozart hatte ein Gesicht, Goethe hatte ein Gesicht. Nennt es allzu menschlich, aber: Wir sehen nicht nur mehr in der Kunst, wenn wir ein Gesicht dazu sehen; wir empfinden auch anders.

Das heißt nun nicht, dass man die Ausstellung nicht besuchen sollte, im Gegenteil: Frau sollte durchaus, und vielleicht ja auch: persönlich zu anderen Emotionen, einer anderen Gefühlsmischung und anderen Reflexionen kommen. Und zudem macht die Ausstellung – naja, ein wenig Mut zur Anarchie. Frau möchte dann gern gleich zur Spraydose greifen; draußen wird das Stuttgarter Weindorf aufgebaut, mit Holz-Imitationen und Plastikgirlanden, im Dorotheenviertel glänzt der neureiche Protz-Konsum aufdringlich vor sich hin, und es gibt so viele Stellen in der Stadt, wo man lieber grinsende Ratten oder kleine Jungens (der Abwechslung halber, und wenn Banksy eine Frau wäre) mit Luftballons sehen würde. Und außerdem hat man einen Spruch mitgenommen, von der Graffiti-Wand am Ende, wo sich jede selbst verwirklichen darf: Sei du selbst, außer du kannst ein Einhorn sein! Drunter hat eine geschrieben: Dann sei ein Einhorn! Kann man ein Einhorn und man selbst sein? Das ist die große Banksy-Frage.

Noch bis 8. Oktober in Stuttgart: https://mystery-banksy.com/



Romantische Frauen und Junonische Blicke

Ein Besuch beim Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt



Wenn du an einem verregneten Sommernachmittag durch die Gassen der Frankfurter Innenstadt streifst – die Hochhäuser verbergen ihre glitzernden Spitzen, und an den Straßenrändern wachsen die Pfützen –, dann könntest du zufällig an einem altehrwürdigen Bürgerhaus vorbeikommen. Es wirkt ein wenig abschreckend; man kann sich vorstellen, dass hier reiche Frankfurter Kaufleute ihren Sitz hatten, bei denen sich die Generationen Buddenbrook-mäßig ablösten, bis einer von ihnen, nennen wir es ‚Degeneration‘ oder ‚Kultivierung‘ (es ist die gleiche Münze, nur von verschiedenen Seiten) aus Versehen beinahe, ein Künstler wurde und in die Welt zog.

Damals gab es sicher noch nicht das Haus daneben, das sich mit warmen gelblich-grünen Farbtönen sogar im Regen fröhlich hervortut; es hat komisch verrutschte Fenster, zu denen man sich keine rechten Stockwerke vorstellen kann, und ein blaues Dreieck lugt hervor wie eine vorwitzige Nase. Lasse dich nicht abschrecken von der dunklen, schweren Tür mit der kaum lesbaren Schrift, sondern tritt ein. Drinnen empfängt dich ein hoher Raum, beinahe wirkt er wie eine Kapelle. Die eine Wand aber ist offen und geht mit einem Glasfenster auf ein Kleinod von Garten, in dem der Regen von den Farnenbüschen tropft und Putten unter dicht überwachsenen Spalieren schlummern; und die Stirnseite ist bedeckt mit Büchern, lange Reihen, dicht gefüllt, Regale bis unter die Decke, ein Mosaik, dass das Herz jeder Bücherliebhaberin höher schlagen lässt. Entrichte deinen Obolus, er tut ein wenig weh; aber das Haus mit der Stupsnase wurde errichtet mit dem Geld von vielen Gebern, die wollten, dass es dieses Haus gebe; ein zweites neues Haus der Dichtung nämlich neben dem alten, schwergewichtigen des übergroßen Dichters, dessen Namen wir jetzt gar nicht nennen und an den wir auch gar nicht denken. 

Du lässt deshalb den Garten – er ist der Durchgang zum alten Haus – erst einmal zum Trocknen liegen und wendest dich zum Treppenhaus. Es ist aber kein Treppenhaus, es ist ein kleines architektonisches Wunderwerk: eine schmale hohe Stiege, dunkelblau-gräulich geheimnisvoll schillernd, von der Leuchtgänge nach links abzweigen; nach rechts aber gibt es kleine Erker, in denen du verweilen kannst und dem Auf- und Ab nachsinnen, dass die farbigen Stufen ganz allein, ohne dein Zutun zu vollführen scheinen. Wenn man sich einen dunkel schattierten Regenbogen ausgerollt als Treppenhaus denken kann – dann ist man hier richtig und fühlt sich, obwohl dicht ummauert: befreit.

Befreit betrittst du vielleicht das erste Stockwerk, dann bist du umringt von vielen Porträts einer guten Gesellschaft und südlichen Ideal-Landschaften, weit entfernt von Frankfurter Regentagen. Du kannst aber auch ganz oben anfangen, wenn du lieber noch ein wenig durch den ausgerollten Regenbogen empor steigen möchtest, oder in der Mitte, es ist eigentlich egal, denn: Das neue Haus hat keinen strengen Lernweg, sondern „Stationen“. An Stationen kannst du anhalten und verweilen, oft sogar auf einer Sitzgelegenheit, die zum Bleiben einlädt, zum Schauen, zum Hören oder gar: zum Gar nichts Tun (in der besten aller möglichen Welten gäbe es dazu noch Kaffee. Oder einen Cocktail. Na gut, wenn es sein muss, auch einen Tee. Wir sind aber in einem deutschen Museum, auch wenn es für ein Museum ziemlich traumhaft ist, und die Schätze müssen geschützt werden). An Stationen kannst du entlangtrödeln, kurz hier blättern, dort in die vor dem harten Licht geschützten Schatzkästen schauen (welch Freude des Anfassens!), hinter einem dichten Vorhang verschwinden oder mit den Lichtern auf einer elektronischen Landkarte spielen. Du kannst auch Gedichte übersetzen oder bunte Kärtchen ausfüllen und sie an die Wand zu den anderen hängen; sie bilden dort ein anderes Mosaik, einen weltumspannenden Regenbogen aus Sprachen, Sätzen, Kommentaren, geschrieben von Händen. Du kannst das alles tun, oder du kannst das alles lassen. Niemand schaut, niemand kontrolliert. Es ist deine Zeit, es ist deine Stille, es sind deine Farben. „Romantik“, ach, das Wort ist viel zu groß und viel zu dumm geworden vor lauter Missbrauch. Wenn du es nicht magst, nimm dir ein anderes. Es ist nur ein Wort, das früher einmal geschillert hat, als es noch frisch und unverbraucht war. Mach dir ein neues, schreib es auf und häng es an die Wand. Vielleicht findet es eine Geistesverwandtin?

Da du heute einmal nicht an die großen Männer denken willst, die sich damals „Romantiker“ nannten, weil es ein gutes Label mit hohem Markt- und Wiedererkennungswert war (heute würde man es mit einem kleinen © versehen, so wie Coca Cola© oder Microsoft©), suchst du die Frauen. Sie sind gar nicht schwer zu finden, und sie werden, was nicht genug gelobt werden kann, auch gar nicht in den Vordergrund gedrängt, da, schaut her, wir haben aufgepasst, wir sind auf der Höhe der Zeit und schwimmen wacker im gender-mainstream! Nein, sie waren sowieso da, von Anfang an, mit und neben den romantischen Männern. Du kannst ihre Porträts mitnehmen auf kleinen Kärtchen, die du an den verschiedenen Stationen findest, falls du dich zuhause weiter mit ihnen unterhalten möchtest. Sie schauen etwas fremdartig aus mit ihren lockigen Frisuren, mal neckisch hochgebunden und gekräuselt, mal wallend um die Schultern und mit einer zierlichen Schleife, mal klassisch-antik im Nacken gebunden; und sie schauen bemerkenswert ernst, diese Frauen – kein strahlendes Selfie-Grinsen, nein, der Blick geht in die Ferne, über die Betrachterin hinaus, ins Offene. Die romantischste von ihnen allen war Karoline von Günderode; dichterisch hochbegabt, ambitioniert und als Stiftsfräulein abgeschoben; nach einer unglücklichen Liebesgeschichte, die genauso hochfliegend ist wie ihre Texte, stößt sie sich am Rhein treffsicher einen Dolch in die Brust, da ist sie kaum dreißig Jahre alt – und was hätte aus ihr werden können mit diesem Talent! 

Oder Sophie Mereau, sie wagt es, den in jeder Hinsicht unreifen Clemens Brentano zu heiraten, es ist ihre zweite Ehe, und sie wird zeitweise zu einem Horror-Trip. Aber Sophie ist eine attraktive, erfahrende und selbständige Frau, die sich von Schiller in Fragen der Lyrik beraten ließ; die Romane verfasste, in denen Frauen ihren Gefühlen freien Lauf ließen; und die eine Frauenzeitschrift herausgab und bei der Geburt ihres insgesamt sechsten Kindes im Kindsbett starb. Doch es gab auch weniger dramatische Schicksale. Bettine von Arnim tanzt auf die ihr eigene schwebende Art durch mehrere Stationen: Schwester des unsteten Clemens, beste Freundin der totgeweihten Karoline von Günderode, Ehefrau von Achim von Arnim und schwärmerische Goethe-Verehrerin; aber auch Mutter von sieben Kindern und Verfasserin von Sozialreportagen, die den preußischen König kritisierten und von der Zensur bald verboten wurden. Oder Rahel Varnhagen, Salondame, emanzipierte Jüdin, Verfasserin von hunderten von Briefen, von Aphorismen und kritischen Essays. Es sind weibliche Gesichter, die du vielleicht schon gesehen hast (man druckt sie gern auf Geldscheine und nennt es „Wertschätzung“), aber ihre Geschichten, ihre verstreut veröffentlichen Werke – wer liest sie noch? Wenigstens hier kannst du sie hören. Es gab nicht nur Waldeinsamkeit und Taugenichtse (Eichendorff©), Volkslieder (Brentano&Arnim©) und Volksmärchen (Jacob&Wilhelm Grimm©), den Überschwang der literarischen Kritik (August Wilhelm und Friedrich Schlegel©) und die blaueste aller blauen Blumen (Novalis©); es gab auch Frauen, die zwar im Geiste romantisch waren, aber daneben: oft ziemlich realistisch im Leben standen (oder eben: es entschieden verließen; es sind nur zwei Seiten einer Münze).

Am Ende – oder war es schon am Anfang? – stehst du vielleicht vor einem über-lebensgroßen Frauenkopf. Nach antiker Manier sind die Locken auf dem Kopf verflochten und werden von einem Stirnreifen zusammengehalten; vollendete Symmetrie, da verrutscht kein leichtfertiges Löckchen. Über volle, beinahe ein wenig männlichen Lippen (jegliches Lächeln liegt ihnen fern) erhebt sich die schmale gerade Nase, die ein wenig an den blauen Vorsprung am Haus erinnert; sie ist aber nicht übermütig, sondern von der gleichen klassischen Strenge wie die großen leeren Augen. Keine Beschriftung, nirgends. Nur du und der Kopf. Dir ist plötzlich nicht mehr romantisch zumute; zumal dir im Rücken der Meister des Hauses höchstpersönlich kokett sein weiß-seiden-bestrumpftes Bild in die römische Campagna streckt, auch er ist hier in Frankfurt-Arkadien! Lass dir keine Angst machen. Der Kopf ist der der Juno Ludovisi (na gut, die Forscher streiten inzwischen, ob das mit der Juno stimmt, aber die Forscher streiten immer), und der Meister hatte sie prominent in seiner Weimarer Großraumwohnung platziert (was man sich in der engen Jenaer Romantiker-Wohngemeinschaft nur schwer vorstellen kann, höchstens ironisch verfremdet). Irgendwie muss der Kopf zu ihm gesprochen haben, er hielt ihn für „über allen Ausdruck groß und herrlich“. Hat der Kopf vielleicht zu ihm gesagt: „Du mußt dein Leben ändern?“, so wie der fragmentarische Apollo von Belvedere, dem fehlenden Kopf zu Trotz, zu Rilke gesprochen hat? Ach, natürlich müsste man sein Leben ändern! Romantisieren, realisieren, was auch immer (beides sind nur die verschiedenen Seiten einer Münze) – also, gemeint ist: sein Leben so gestalten, dass man dieser kolossalen Gestalt ins (weibliche!) Antlitz sehen kann, jeden Tag, ohne wegzusehen oder die Augen zusammenzukneifen oder sich in Ironie zu fliehen. Vielleicht konnte Goethe das irgendwann, nach langer Übung; und der monumentale Frauenkopf war eine Art Test für die Besucher, die damals in Massen zu ihm strömten?

Du kannst jetzt überlegen, ob du den alten Meister noch besuchen möchtest, es ist nur ein kleiner Weg durch den Garten, es tropft nur noch sanft von den Farnen, und es ist ein prächtiges Haus, in jeder Hinsicht. Aber vielleicht möchtest du ja auch noch ein wenig träumen. Oder ein Gedicht schreiben. Genau, das ist es eigentlich, was du jetzt tun möchtest: ein Gedicht schreiben! Und seine ersten Zeilen könnten lauten:


„Es fiel ein warmer Sommerregen.
Und Zuflucht bot ein Haus,
verwinkelt und doch klar.
Romantik verhieß es – – – „



Kristalle, Kriege, Kunst

Facetten eines Museumsbesuches



Dies ist der Bericht über einen etwas anderen Museumsbesuch. Er ist verbunden mit einem etwas längeren Exkurs in die Wirtschaftsgeschichte und einem kürzeren Exkurs in die Gesteinskunde, die frau auch überlesen kann, aber dann würden wesentliche Facetten des Ganzen fehlen. Vielleicht sind die Exkurse sogar, wie so oft, der interessantere Teil, auch wenn das besehene Museum selbst durchaus sehenswert ist: Es ist sogar ein Augen-Schmaus besonderer Art, eine Symphonie aus Bergen und Wolken und Herbstblättern und funkelnden Kristallen, wohin man schaut, und man kann in Farben baden und auf einem surrealistischen Karussell in einem U-Boot fahren und ziemlich gut essen im Restaurant und glitzernde Dinge kaufen im Shop, was will frau mehr?

Das Museum also, von dem die Rede ist, ist – aber wir wollen hier keine Produktwerbung betreiben. Nennen wir es vorerst: „das Museum des Erfinders von BLING“ (im Sinne von „Bling-Bling“) und belassen es auch erst einmal dabei, zumal der Markenname streng geschützt ist und jegliche Verstöße von den Firmenanwälten gerichtlich verfolgt werden! Es ist ein Kunst-Kristall-Museum – drei Facetten, von den wir uns zwei vorerst nur merken, während wir uns auf die innere konzentrieren, das Kristall nämlich, und uns in die erste Exkurs-Facette stürzen, die geologische.

Echte und falsche Kristalle und ein wenig Goethe

Was also ist ein Kristall eigentlich? Ein Festkörper, dessen Bausteine regelmäßig in einer Kristallstruktur angeordnet sind. Wie zum Beispiel Salz, Zucker, Schnee, Diamanten. So weit, so langweilig, mag die eine sagen. Andererseits, mag die andere sagen, sind Kristalle ziemlich schön. Schneeflocken, Eiskristalle, Diamanten im Brillantschliff, dem brillantesten aller Schliffe. Aber da wir nicht alle Audrey Hepburn sind, müssen es für die meisten von uns – Kristalle tun im kleinen BLING. Die mit dem berühmten Namen zum Beispiel. Die aber sind, und das ist immerhin mittelmäßig interessant, gar keine Kristalle, sondern nur durch Zusätze trickreich so transparent und hart gemachtes Glas (was per definitionem kein Kristall ist, keine regelmäßige Kristallstruktur aufweist nämlich), das anschließend noch trickreicher so geschliffen wurde, dass es wie Diamanten funkelt: in möglichst vielen Facetten nämlich, angeordnet in genau ausgefuchsten Winkeln, die das Licht aufnehmen, ein wenig um sich selbst drehen, es im Inneren brechen, vielfarbig aufspalten und dabei möglichst oft reflektieren – und es wieder austreten lassen, vielfarbig aufgespalten, vielfältig gebrochen, vieldeutig glitzernd. Vom „Feuer“ des Diamanten spricht der Fachmann, und das ist immerhin ein wenig lustig, weil die Wortbedeutung von Kristall (griech. Krystallos) kalt ist, eiskalt sogar. Aber die meisten von uns würden, seien wir ehrlich, den Unterschied nicht sehen zwischen feurigem Diamanten und frostigem Kristall, sondern uns einfach freuen: am Funkeln, am Facettenreichtum, am regenbogenfarbigen Licht, das aus dem Inneren des Steins herauszubrechen scheint, aber dabei trotzdem auf das äußere Licht reagiert.

Inneres, Äußeres, Licht, Reflexionen, Brechungen – schläft da nicht ein Symbol, irgendwie? Goethe, nur um eine ganz kleine Facette hier zusätzlich aufglitzern zu lassen, hat sich ziemlich viel mit Licht und Prismen und auch Kristallen beschäftigt, er fand das alles nicht nur schön, sondern sehr lehrreich, und in einem Gedicht mit dem Titel Entoptische Farben vergleicht er Kristalle mit dem „Erdewesen“ – also: dem Menschen an sich?

Spiegel hüben, Spiegel drüben,
Doppelstellung, auserlesen-,
Und dazwischen ruht im Trüben
Als Kristall das Erdewesen.

Eine Parabel von Innovationsdruck und Lieferketten und Kriegsgewinnen

Wir verlassen denn etwas rätselhaft-schillernden Goethe und den geologischen Exkurs und kehren zurück zu unserem Kunst-Kristall-Museum, gelegen unweit der Inntal-Autobahn im idyllischen Wattens am Wattenbach, der hier in den Inn mündet und vorher einige Wasserkraftwerke ganz ökologisch sauber antreibt – was bereits fließend überleitet zum zweiten Exkurs und zur nächsten Facette, der wirtschaftshistorischen nämlich. Deshalb bleiben wir noch einmal stehen, nachdem wir die supermodernen Kassenhäuschen passiert haben, und schauen nur kurz herüber zum verlockenden Eingang der Museums-„Wunderkammern“, wo der tausendfach fotografierte, etwas gespenstisch schmallippige grüne Riese (sieht er ein wenig aus wie André Heller? und ist er eigentlich männlich oder weiblich? Aber dazu kommen wir erst später, wenn es um Kunst geht) gleichmütig Wasser in ein stilles Becken speit; wir bleiben stehen und lesen unseren Wikipedia-Artikel. Die folgende Geschichte nämlich kommt nur sehr kurz vor im Kunst-Kristall-Museum (zur Geschichte des Unternehmens und seines Gründers und seiner Verbundenheit mit Wattens gibt es aber ein Museum in Wattens selbst, siehe unten); sie ist aber lehrreich und gut zu wissen und von einer gewissen bleibenden Aktualität. Also, hier die Kurzfassung:

Es war einmal ein junger Handwerksmann im fernen Böhmen, wo man in Bergregionen in mühsamer Handarbeit aus Glas Kristalle schliff für einen gerade ziemlich rasant wachsenden Industriezweig, die Bijouterie-Branche nämlich: glitzernden Modeschmuck, der den Diamanten natürlich nicht ganz das reine Wasser reichen konnte, aber, je feiner geschliffene Gläser man verwendete, doch ziemlich gut BLING machte. Und der junge Handwerksmann war von geradezu schwäbischem Erfindergeist, er erfand nämlich, es war im Jahre 1892, nach Jahre fleißigen Tüftelns einen mechanischen Schleifapparat zur Fertigung feiner Schmuckkristalle, und dafür wollen wir ihm endlich auch seinen Namen geben: Er hieß Daniel Swarovksi. 1895 gründete Daniel ein kleines Unternehmen, aber es wuchs schnell, und die Maschinen wollten nicht nur fleißige Arbeiter, sondern Strom. Deshalb suchte er nach einem Ort, wo es viel und billigen Strom gab und der möglichst abgelegen lag von der Welt, die Konkurrenz schlief nämlich nicht, sondern betrieb eifrig Industriespionage. Er fand ihn im österreichischen Wattens im Tal des Wattenbachs, wo ein Wasserkraftwerk sehr kostengünstig schon eine Textilfabrik versorgte, und keine Klimakatastrophe war weit und breit am Horizont zu sehen, und das Bergwasser floss zuverlässig und kräftig antreibend Jahr für Jahr in den Inn bei Wattens. Dort baute der Böhme sein Werk, und er baute die Wasserkraft weiter aus, die bis heute die ziemlich groß gewordene Fabrik antreibt, und er ließ Werkswohnungen bauen, mit Garten, für seine Angestellten, die es bis heute gibt (und für sich selbst eine Villa mit seinem eigenen Namen, von der sich im großen weiten Internet keine Spur mehr findet; das inzwischen sehr diversifizierte Unternehmen ist aber immer noch zu großen Teilen in Familienbesitz). Und weil sein Produkt, die feingeschliffenen Kristalle, angewiesen war auf die zuverlässige Zulieferung von qualitativ hochwertigem Glas, entwickelte Swarovski gemeinsam mit seinen drei Söhnen in mehrjähriger Arbeit eine eigene Methode der Glasschmelze, die bis heute als Betriebsgeheimnis streng gehütet wird, und die ihn unabhängig von wankelmütigen Zulieferern und schwankenden Lieferqualitäten machte. Und das gleiche macht er noch einmal, nach dem Ersten Weltkrieg, als die Lieferung von für den Betrieb essentiellen Schleifscheiben stockte; also entwickelte er selbst welche, gab ihnen einen neuen Namen („Tyrolit“); vielfach modernisiert werden sie bis heute verkauft und gelten immer noch als cash cow des facettenreichen Firmen-Konglomerates.

Nun kommt die dunkle Facette der Geschichte, aber sie gehört dazu, wird inzwischen vorbildlich von Berufs-Historikern aufgearbeitet, und man muss keine Denkmäler stürzen deshalb (ein Denkmal von Daniel Swarovski steht natürlich in Wattens, noch), dabei lernt man nämlich rein gar nichts. Dass Erfindungsgabe und unternehmerischer Anpassungsgeist wie alle rein formalen Kompetenzen immer ein zweischneidiges Schwert sind, kann man hingegen lernen, wenn man das Denkmal stehen lässt und hinschaut. Denn während der NS-Zeit brauchte man nicht so viel BLING, sondern, ganz wie heute, Kriegstechnologie, gern auch hochwertige; man brauchte zum Beispiel optische Geräte, Zielfernrohre, mit den feinstgeschliffenen vorstellbaren Linsen. 1935 hatte einer der Söhne sein erstes Fernglas vorgestellt, „Habicht“ hieß es, und bis heute schwören Ornithologen und bird watcher weltweit auf Swarovski-Gläser. Für optische Geräte gab es reichlich Rüstungsaufträge, es gab auch Zwangsarbeiter zur Unterstützung der Produktion, und wie die Firmenleitung waren die meistens stramme Partei-Mitglieder. Die Kristallherstellung hingegen wurde1943 verboten; keine Ressourcen mehr für BLING! Nach dem Krieg aber floss der Wattenbach weiter durch Wattens, und das Unternehmen produzierte weiter funkelnde Schmuckkristalle, die frau sich um den Hals hängen konnte, und Geräte mit Präzisionsoptik, die man sich um den Hals hängen konnte, und – nun ja, Schleifscheiben, mit denen man die Dinge tun kann, die irgend jemand mit Schleifscheiben so tut und die wichtig sind für die verschiedensten industriellen Abläufe?

Tagsüber im Museum

Im Jahre 1995, zum hundertjährigen Firmenjubiläum, der Gründer war inzwischen knapp vierzig Jahr tot und lag mit einer Fülle von staatlichen Orden in seinem Grab in Wattens; vor knapp 20 Jahren also gönnte sich das Unternehmen schließlich neben der firmeneigenen Fluglinie und dem gesponserten Tiroler Fußballverein auch ein Kunst-Museum, am Rande von Wattens zwischen Berg und Fluss und Firmenschloten und Firmenwohnungen gelegen. 2005 wurde es von André Heller umgestaltet, wiederum zehn Jahr später kam der Park hinzu, und so präsentieren sich die Swarovski Kristallwelten heute der Besucherin an einem warmen Frühherbsttag. Der grüne schmallippige Riese bewacht immer noch den Eingang zu den „Wunderkammern“, die an die Schatz- und Kuriositätensammlungen vermögender Herrscher und Sammler (kein generisches Maskulinum!) erinnern, in denen seltene Naturdinge ebenso ihren Platz fanden wie kunstvolle Instrumente und Automaten, feinstes Kunstgewerbe, Korallen, Perlen, Edelsteine aller Art und natürlich schon damals: Kristalle. 18 Künstler haben 18 verschiedene Kristall-Kammern gestaltet, Niki de Saint-Phalle ist mit einem Exemplar darunter (und damit ist sie die einzige Frau in dieser Geschichte), aber eigentlich muss man die Namen nicht kennen. Denn im Vordergrund stehen allein die Kristalle und ihre wundersamen optischen Effekte, mal geschickt, mal weniger geschickt angeordnet, aber alles funkelt, definitiv. Gelegentlich verschmelzen Kitsch und Kunst aufs schönste, man kann sogar lachen, und frau fühlt sich seltsam erlöst und befreit vom Museumsdruck (Vorsicht, Kunst!), während sie kleine und große Installationen – nicht studiert, sondern erlebt: Denn das Lebendige der Kristalle entsteht dadurch, dass sie ihre ganze Umwelt samt Betrachterin aufnehmen können, mit ins Bild hineinspiegeln, in Facetten zerlegt, immer kleiner verschwindend, und mit jeder Änderung des Lichts, der Farbe, des Standpunkts ändert sich das Bild.


Mit einem geschärften Farbsinn und einer gewissen Neigung, alles Wahrgenommene in Facetten zerlegen zu wollen (und einem kleinen Stück BLING um den Hals natürlich) verlassen wir die „Wunderkammern“ und begeben uns in den Park, der noch ein wenig zuwachsen muss, bis er ein erwachsener Park wird. Aber die Berge sind schon da, sie werden bleiben mit ihren unregelmäßig facettierten, schneekristallüberzogenen Spitzen; das Herbstlaub ist da, es spielt eine Farbsymphonie mit anderer Tonleiter als die großen Kristallinstallationen, die nur den Regenbogen kennen und keinen Zwischenton. Und ganz am Ende, in einer kleinen Vertiefung, schwebt der Höhepunkt: die „Kristallwolke“. Eine Installation mit über 80.000 (die Zahl kann man sofort vergessen, wer wird sie zählen?; aber nennen wir hier einmal die Namen der Erfinder, sie haben es verdient: Andy Cao und Xavier Perrot) kleinen Kristallen, gefangen in wolkenförmigen Netzen, die über einem schwarzen kreisrunden Spiegelsee glitzern, in dem man hineingehen kann. Frau steht dann im See, hüfthoch von Wasser umgeben, und die Welt ist ein einziges Glitzern, oben in der Helle des Himmels, unten in der Schwärze des Wassers; die Berge singen Hallelujah von den Spitzen herab, und die Sonne bricht auf einmal hervor und vervielfacht die ungezählten Kristalle, und dann ziehen wieder Wolken herbei, echte Wolken, und verdunkeln die Kristalle und spiegeln sich dunkel im See. Bei Sonnenaufgang soll es magisch sein, und auch ohne die etwas penetrante Musikbespielung der Installation kann man sich vorstellen, dass etwas aus den Kristallen heraus selbst zu singen beginnt, in hohen, glasklar geschliffenen, vielfach facettierten Tönen. Vielleicht antworten die Berge ja, heimlich, wenn keiner zuhört und die Schalter geschlossen sind und der grüne, seltsam androgyne Riese endlich ausgespien hat, wer weiß?
Dunkle Zukunfts-Facetten?

Angenehm gesättigt im Museums-Restaurant mit Blick auf die Wolke und sensationelle Süßspeisen werfen wir noch einen letzten Blick auf den römischen Silbermünzschatz, der bei den Ausgrabungen für das Museum zufällig gefunden wurde, was irgendwie symbolisch anmutet; denn gefunden wurden auch Schmuck-Glasperlen, wie sie reiche Römerinnen in der Provinz wohl trugen: BLING ist eben doch eine anthropologische Konstante! Die Betrachterin entdeckt jedoch angesichts der kleinen wenig funkelnden Silbertaler eine eher melancholische Facette: Was wird wohl in hundert Jahren bleiben, vom Industriestandort am Wattenbach, angetrieben von sauberem Strom und bewacht von den Bergen? Was von einem Unternehmen, das aus Erfinder- und Familiengeist in abgelegenen Regionen erwuchs und nun sich immer mehr in die Welt verzweigen muss? Was von der Lust am BLING und der Freude an optischer Präzision, von den kleinen glitzernden Glücksmomenten eines geschmückten Daseins und von dem Glitzern in den Augen stolzer bird watcher, wenn sie ein seltenes Exemplar gespottet haben, das in allen Farben der Natur glänzt – aber vielleicht auch nur ein kleiner brauner Vogel ist? Was von den Wunderkammern einer Kunst, gefördert von privatem Sponsorentum genau wie der örtliche Fussballverein, abgeschlossen in glitzernder Kälte für alle Ewigkeit oder doch nur für den nächsten Modenwechsel, den nächsten Finanz-Crash, die nächste große Gleichgültigkeit eines über-verwöhnten Publikums? Wird das Labyrinth zuwuchern, das Karussell sich im Leeren drehen, des Riesen unermüdliches Speien versiegen, werden die Netze zerfetzen in den kommenden Hagelstürmen, und überall liegen kleine Kristallsplitter, sie zeigen die Berge, denn sie sind geblieben, und den Wechsel der Jahreszeiten, das bunte Laub und die hellen Blüten im Frühjahr, vielleicht jedenfalls. Denn die Geschichte ist vergänglich wie die Kunst, und auch die Lust am Schönen und technisch Perfekten sind nur winzige Facetten im großen Menschheits-Kristall, der gerade eher im ziemlich Trüben fischt.

Swarokvsi-Kristallwelten in Wattens, Österreich; Eintritt 19 https://kristallwelten.swarovski.com/Content.Node/blog/12_Museum_Wattens.htm



Porträt eines jungen Mannes mit hingeworfenem Handschuh


I. Neulich im Städel: Unter Bildungbürgern


Neulich Freitag nachmittags im Frankfurter Städel, immerhin darf man noch ins Museum: Wohlmaskiert schlendert das kulturell interessierte Publikum in gehobener Atmosphäre durch die versammelten Rembrandts samt Zeitgenossen. Nennt mich Rembrandt!, das ist der Aufmacher der Ausstellung. Die etwas sparsamen Text der Kuratoren versuchen darzulegen, dass Rembrandt schon einiges von der neueren Marketing-Kunstform Branding verstand, aber das ist gar nicht so interessant. Eher mäßig interessant sind auch auf den ersten Blick die ziemlich stereotypen Porträts, mit denen der Rundgang eröffnet: wohlbeleibte Niederländer und Niederländerinnen, mit einer Neigung zur rötlichen Knollennase in beiden Geschlechter (eine Dame fragt im Flüsterton bei der gerade vorbeischwappenden Führung: „Durften denn die Leute damals alle betrunken gemalt werden?“, Loriot schwebt kurz durch den Raum und nickt heftig), und nur wenn man genau hinsieht, merkt man, dass die so demütig wirkenden schwarzen Gewänder aus den kostbarsten Stoffen der Amsterdamer Börse gefertigt sind. Den optischen Rest erledigen die Spitzen: „Spitzenprodukte“, wagt der Ausstellungstext einen kleinen Scherz, er ist aber leider unübersetzbar, trotzdem bewundern wir alle die Spitzen mehr als die Knollennasen. 

Nun ja, andere Zeiten, andere Moden, andere Nasen. Dort zum Beispiel stehen zwei junge Männer vor einem Vollporträt eines stehenden jungen Mannes. Sie tragen Jeans, er trägt seidig schwarz glänzende Kniebundhosen, die in hinreißenden Knierüschen enden. Sie tragen Sneaker, er trägt schwarze Lederschuhe mit einem kleinen Absatz und Spitzenschleifen. Und anstelle eines Pullovers stellt der Porträtierte ein strahlend weißes Hemd mit weitem Kragen zur Schau: geschlossen wird es mit einer sehr dekorativen Silberschnalle, darüber kommen eine kostbar tressierte Jacke und der elegante geschwungene schwarzen Samtumhang. Vorwitzig blitzt direkt über dem hochsitzenden Hosenbund noch eine Art Schleife mit einer weißen Spitze hervor, ähnlich wie ein Schuhbändel, sie sitzt exakt in der Bildmitte sitzt und weist nach unten, zwischen die – aber was ist das? Jetzt weisen die beiden jungen Männer auf etwas hin, das im Porträt am Boden liegt, erst hat man es gar nicht bemerkt: Es ist ein Handschuh, er ist offensichtlich zu Boden gefallen, und jetzt liegt er da, leicht gekrümmt wie ein kleines ängstliches Tier, das sich zusammenkauert. Aber er kann ihm doch nicht von der rechten Hand gefallen sein, dann läge er doch auf der anderen Seite, und warum überhaupt? – da hat der eine junge Mann schon sein Handy gezückt, offenbar liest er etwas nach, und dann diskutieren die beiden weiter, weisen auf den Handschuh, weisen wieder auf das Gesicht, auf die kleine weiße Spitze in der Bildmitte. Derweil fragt der liegende Handschuh, kokett und herausfordernd gleichzeitig die neue Betrachterin: Et tu? Der Text zum Bild hilft nicht viel weiter: Eigentlich weiß man noch nicht einmal genau, wer der Dargestellte ist, aber man hat immerhin ein Entstehungsdatum: 1639, da war Rembrandt selbst 33 Jahre, hatte ein eigenes Atelier in Amsterdam, war verheiratet und Vater zweier Kinder . Aber was machen wir nun mit dem Handschuh? Folgen wir den beiden jungen Männern ohne Handschuh und mit Smartphone und fragen die Quelle aller modernen Weisheit, Wikipedia!

II. What’s in a glove?

Handschuhe, also, Kurzfassung samt Fun Facts: Gab es schon immer. Schon in der Frühzeit, sie waren damals nur unförmig, aber handlich für die anfallenden groben frühneuzeitlichen Arbeiten. Doch kaum erhob die Zivilisation ihre schweren Flügel, wurden die Handschuhe schon zum Luxusobjekt: Tutanchamun, bekanntlich eher ein minderer Pharao, hatte 27 Paar feine Lederhandschuh in seiner Grabkammer. Bei den Römern hießen Fingerhandschuhe digitales, und die eher kulturkritisch gesinnten unter den römischen Philosophen hielten sie für ein handgreifliches Symbol der beginnenden spätrömischen Dekadenz (auch Oliven sollte man lieber mit baren Händen pflücken, so ein entsprechender Ratgeber). 

Großer Sprung ins Mittelalter, einer geradezu symbolhörigen Zeit, wo der Handschuh die volle Entfaltung seiner Bedeutungsbreite erreicht. Erster Finger: Machtsymbol! Könige und Kaiser haben kostbare Handschuhe, und wenn sie jemand unter ihre Fittiche nahmen, bekam er ebensolche als Symbol geschickt, zur öffentlichen Ausstellung. Zweiter Finger: Kampf! Wenn ein Ritter einem anderen den Handschuh vor die Füße knallte oder ins Gesicht wischte, hieß das: schwere Beleidigung und Herausforderung zum ritterlichen Zweikampf (mit Schutzhandschuhen, natürlich). Dritter Finger: Sauberkeit und Hygiene! Und zwar sowohl im wörtlichen Sinn – vor der Erfindung des Bestecks trugen Damen beim Mahl gern Handschuhe – also auch im übertragenen Sinne: Der Sachsenspiegel, einer der ersten mittelalterlichen Rechtsbücher, gebot Richtern, mit unbedeckten Händen ihres Amtes zu walten und dadurch ihre Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit zu demonstrieren (zur gleichen Zeit wurden Bittgesuche gern mit Handschuhen verschickt, die prall mit Geld gefüllt waren). Vierter Finger: Ästhetik! Imagesymbol! Kulturelles Kapital! Im Verlauf der Zeit und mit der Entwicklung des Kunsthandwerks wurden die Handschuhe immer mehr zu einem Kunstobjekt; erst nur für die Herrscherkasten (Pharao! Kaiser! Bischof!), aber im nivellierenden Fortgang der Zivilisation auch für die etwas begüterten Massen (Arbeitshandschuhe sind ein anderes Thema. Gab es immer, wurden nur technisch besser). Die Dame von Welt trägt Handschuhe, am Hof sowieso, aber bald unter dem allmächtigen Diktat der Mode überall. Der Dandy von Welt auch. Und damit kommen wir elegant zum fünften Finger (es muss aber nicht der kleine sein) und zur geschlechtergeschichtlichen Symbolik: Wenn die Dame dem Ritter ihren Handschuh überreicht, versichert sie ihm ihrer Gunst (weitere Glieder sollte sie aber nicht entblößen, jedenfalls nicht in der reinen Minne). In den Niederlanden zu Rembrandts Zeiten hat man die höfische Galanterie aber weitgehend hinter sich gelassen; wenn der Gatte hier der Dame bei der Hochzeit den Handschuh überreicht, ist er ein Symbol für ihre künftige Unterwerfung unter seine Herrschaft (wir sind also wieder bei 1, sozusagen). Verwerflich und unaufgeklärt, natürlich, aber was sagt der eine junge Mann da gerade? Zitiert er nicht – ja, er zitiert tatsächlich Schillers Ballade Der Handschuh, die er in der Schule habe lernen müssen und von der er noch die letzte Zeile erinnere: „Den Dank, Dame begehr ich nicht!“ Nun gut, es ist der vorletzte Satz, aber wir Bildungsbürgerinnen sind nicht kleinlich, zumal es der entscheidende Satz und die Pointe ist. Schillers Ballade ist nämlich sozusagen ein umgekehrtes Lehrstück in Sachen Emanzipation. Der Ritter emanzipiert sich von der überholt-stereotyphaften Verteilung der Geschlechterrollen, indem er den von der Dame für ihn in den Ring geworfenen Handschuh – wo sich gerade Löwen und Tiger gegenseitig zerfetzten – zwar den Untieren entriss, anschließend aber auf die Gunst einer solchen „Dame“ dankend verzichtete und erhobenen Hauptes den Ring verließ. Das hätte man auch gern von Rembrandt gemalt gesehen, nicht immer nur alttestamentarische Männermörderinnen, die alle verdächtig Saskia ähnelten und eine Knollennase hatten! Chapeau für Schiller!

III. Zwei Rätsel, weiter ungelöst

Belehrt kehren wir zurück zu Rembrandts jungem Mann mit dem hingeworfenen Handschuh, der uns immer noch anstarrt (der Handschuh). Nachgetragene kunstgeschichtliche Forschungen im Museums-Café nebenan ergeben: Die kunsthistorische Forschung weiß es auch nicht besser. Zum einen weiß sie nicht genau, wer dargestellt ist: Es gibt zwei Kandidaten aus dem städtischen Umfeld Rembrandts, beide sehr gehobenes Amsterdamer Bürgertum, und von dem einen weiß man, dass er mal bei Rembrandt ein Porträt in Auftrag gegeben hatte; es sind aber andere Abbildungen von ihm überliefert, und die Ähnlichkeit, Knollennase hin oder her, kann kaum auch nur als entlegen bezeichnet werden. Der andere wäre ein wenig ähnlicher, aber man hat keinen Papierkram dazu. Einig ist man sich deshalb nur, dass der Dargestellte ziemlich jung gewesen sein muss; dass er Geld gehabt haben muss (Indizien: Kleidung und Ganzkörperformat); und dass er ziemlich cool überkommt mit seiner etwas geckenhaften Haltung. Zum zweiten weiß man nicht, was der Handschuh soll; und die Deuter kommen auch nicht viel weiter als wikipedia. Es gibt zwar Vorbilder für ähnliche Darstellungen bei anderen berühmten Malern; und wenn wir in der humanistisch-rätselverliebten Hochrenaissance gewesen wären mit ihrer Vorliebe für Mystizismus und allegorische Verkleidungen, hätte sich sicherlich auch eine breitere Deutungsdiskussion entsponnen. Nicht aber beim knollennasigen Amsterdamer Bürger Rembrandt, dem das Verschmitzte nur gelegentlich in eine kleine Zeichnung entwischt, da haben die Kunstkritiker Eselsohren. Aber wir haben inzwischen Glühwein mit den jungen Männern getrunken und können deshalb auch selbst ein wenig spekulieren.

IV. Übergestülpte Deutungen

Da wir vorher schön systematisch waren und uns anhand von Wikipedias Weisheit die fünf symbolischen Deutungsmöglichkeiten von Handschuhen fingerweise erarbeitet haben, müssen wir sie nun nur noch durchgehen.

Also, 1: Macht. Man kann sich tatsächlich des Eindrucks nicht erwehren, der junge Mann wolle noch etwas werden, schimmert da nicht etwas Kevin-Kühnert-Mäßiges durch den Blick? Darauf sind die Kunsthistoriker auch schon gekommen, sie schlagen beispielsweise vor, er könnte seinen Handschuh sozusagen als Bewerbung für eines der vielen ehrenhaften und/oder gutbezahlten öffentlichen Ämter – Bürgermeister, Vorsteher des Leprösen-Hauses, Richter mit sauberen Händen – in den Ring geworfen haben. Wäre denkbar, aber vielleicht wirkt er dafür doch etwas gar zu locker? Aber immerhin, er konnte sich ein Rembrandt-Ganzkörper-Porträt leisten, und alle diese wunderbaren Spitzenprodukte noch dazu! Also: ein entschiedenes Vielleicht!

2: Kampf, Fehde, Herausforderung: Definitiv nicht. Weniger kämpferisch kann man sich kaum hinstellen. Zu einem Menuettschritt könnte er vielleicht ausholen, oder zu einer angedeuteten Verbeugung, um der Dame einen Handschuh aufzuheben. Nicht aber zu einem Ausfallschritt mit dem Schwert. Die Spitzen würden auch schmutzig werden. Definitely not.

3: Sauberkeit, äußerliche oder innerliche: Schmutz scheint hier eher nicht das Problem zu sein. Die Umgebung wirkt zwar etwas düster, aber für Rembrandt ist sie eher außergewöhnlich gut beleuchtet. Man kann sogar eine Art antikisierenden Hintergrund erkennen, mit einem Steintor mit Muscheldekor über der mit Nieten besetzten Tür; mit Kacheln auf den Weg davor, einem kleinen geometrischen Element; und einer etwas rätselhaft unscharfen Büste, die skeptisch von oben auf den jungen Geck herabzublicken scheint (ein Selbstporträt Rembrandts, der eine kleine Obsession mit Selbstporträts hatte? nein, nicht genug Knollennase). Aber nichts, was man nicht auch mit bloßen Händen anfassen könnte. Bleiben die Ehrlichkeit, die Offenheit, die Demonstration von Ungeschütztheit: Ich zeige euch meine nackte Hand, hier liegt sie, ziemlich in der Bildmitte, ganz in der Nähe von dem kleinen weißen Zipfel am Hosenbund, sie ist so weich und wohlgepflegt, sie könnte beinahe eine Frauenhand sein, und sie trägt keinen Ring! Das bringt uns zu ­

4. Ästhetik: Nein, keine Sprünge, wir gehen schön die Finger entlang. Ästhetisch macht der Handschuh so total Sinn, wie jedes Detail bei einem großen Meister Sinn macht. Man denke ihn sich weg, und das Bild hätte eine Lücke. Es wäre langweiliger. Es würde etwas fehlen, in der Bilddiagonale, die vom skeptischen Blick der Büste über die weiche Hand in der Mitte und die Spitze am Hosenlatz genau in die gegenüberliegende Ecke unten führt, wo der kleine verkrümmte Handschuh liegt. Mit seiner irgendwie organisch anmutenden Krümmung nimmt er auch ein wenig Kontakt auf zur Muschel über der Tür und bildet farblich und formal ein Gegengewicht zum Schwarz-Weiß- der Figur und der Fliesen. Im Gegensatz zur leuchtend hellen Hand in der Bildmitte ist er ein dunkles Gegengewicht am Rande. Macht er damit den Dargestellten nicht auch irgendwie – menschlicher? Ach, man mag sich vorstellen, dass das Modell irgendwann, aus Erschöpfung oder Unlust beim Modellstehen im Atelier, einen Handschuh hatte fallen lassen. Gerade wollte er sich danach bücken, aber Rembrandt wäre aufgefahren von seiner Staffelei und hätte gerufen: „Nee, lass liegen! Das ist genau das, was mir noch gefehlt hat! Könntest du ihn vielleicht nur ein kleines Stückchen weiter nach links – noch ein klein wenig weiter, genauso, nein, mach ihn nicht gerade! Wunderbar!“ Warum nicht? Ästhetik geht immer, deshalb ist es ja ein Kunstwerk. Aber Rembrandt kannte kein art pour l’art.

5. Gender. Zudem trägt der Schöne keinen Ring, und damit wären wir bei 5., der geschlechtergeschichtlichen, nennen wir sie hier aber lieber: der erotischen Bedeutung. Die Forschung geht davon aus – das mögen wir ihr glauben –, dass das Bild nicht der Teil eines jener Doppelporträts war, die für Ehe- oder Brautleute verbreitet waren, Knollennase links, Knollennase recht, und viel Spitzen auf beiden Seiten. Nein, der junge Mann steht für sich selbst. Könnte es nicht sein, dass er, als früher Vorläufer der Schiller’schen Emanzipation der Männer vom Handschuh-Aufheb-Zwang, einfach seinen Handschuh hat fallen lassen, damit eine vorübereilende Schöne ihn ihrerseits aufnimmt? Ist es vielleicht ein Bewerbungsporträt, aber nicht für das Bürgermeisteramt, all seiner Reize zum Trotz, sondern für die wohlbeleibten und rotbackigen Amsterdamer Bürgerdamen, und es sagt, im Handschuh nur mäßig verschlüsselt: Wo ist sie, die Dame meines Herzens, die es wagt, den Handschuh aufzunehmen? Die das Prachtstück zu schätzen weiß, das ich hier darstelle, seht doch nur, die Rüschen und Spitzen und Locken? Wo ist sie, die andere Hälfte meines künftigen Doppelporträts, ich könnte sie sogar von dem berühmten Rembrandt malen lassen? Why not?
Die beiden jungen Männer schauen skeptisch. Sollen sie doch. Sie haben andere Handschuhe zu werfen und aufzuheben, heutzutage. Nennt mich – ?


Nennt mich Rembrandt! Städel Museum Frankfurt, 6.10.2021-30.1.2022


Samurai in München, oder:
Tomoe Gozen, die es mit den Dämonen aufnahm



Samurai – Pracht des japanischen Rittertums, so heißt eine Ausstellung in der Kunsthalle München, die mit über hundert Exponaten aus der Sammlung des Ehepaares Ann und Gabriel Barbier-Müller die Kultur der traditionellen japanischen Kriegerkaste präsentiert. Und Pracht bekommt man zu sehen: Angesichts einer vollständigen Samurai-Rüstung aus kostbaren Stoffen und Leder, verziert mit goldenen Ornamenten und Symbolen und ergänzt durch ein gleichzeitig schreckenerregenden und bizarr-phantastischen Helm scheint selbst eine Schmuckrüstung aus dem europäischen Mittelalter bieder, billig und vor allem: phantasielos. Die Ausstellung ist ein Genuss für die Augen – vor blutigem Hintergrund: Dass die Samurai-Krieger nicht nur hochkultiviert waren und einen ausgearbeiteten Ehrenkodex besaßen (den bushido), sondern auch brutale Schlächter, die nach der Schlacht die Köpfe der Gegner aufsammelten, um eine Prämie zu verdienen (es musste auch nicht unbedingt jeweils der passende Kopf zum passenden Helm sein…), kann man vor allem in den begleitenden Filmen erfahren. Schönheit und Grausamkeit paaren sich so gern!


Und während man noch die Hasenohren auf einem Helm bewundert (Symbol für langes Leben und Geduld, nicht Hasenfüßigkeit) und den sich dekorativ windenden goldenen Drachen auf einem Brustpanzer, während frau den Blick schweifen lässt über die Schlachtengemälde-Wimmelbilder und die langen Schwerter, die die Schwertschleifer an Gehängten auf ihre Schärfe überprüften – fällt einem plötzlich auf, dass man umgeben ist von grimmigen Blicken. Der Samurai trägt eine Gesichtsmaske, halb oder ganz, auf einigen ist ein neckischer Schnurrbart aus Tierhaaren angebracht, manche haben eine lange Nase, sie alle jedoch wirken: barbarisch, man muss ein wenig an Hannibal Lecter aus dem Schweigen der Lämmer denken, und man erkennt: Hinter einer solchen Maske versteckt wird jeder zum Barbar (und leise denkt schon eine Stimme im Hinterkopf mit, sie geht einem manchmal auf die Nerven, aber wir sind hier bei schoengeistinnen.de, und deshalb darf sie mitdenken: auch zur Barbarin?). Auf den Wandbildern hingegen tragen die Kämpfer keine Kampfmasken, das hat auch einen guten Grund, nämlich: Man soll ihren grimmigen Blick sehen! Die Münder sind nach unten verzogen, die Augenbrauen zusammengeballt, aus dem Blick blitzen Todesstrahlen. Beim Kämpfen lächelt man nicht, das leuchtet ein. Man sucht aber auch vergeblich nach einem Lächeln, einem kleinen nur, wenn man vor dem japanischen Gott Fukurokuju steht. Er wird gern als eine Art Galionsfigur auf den Helmen abgebildet, da wo sonst auch die Hasenohren oder ein Hirschgeweih oder eine Pyramide oder eine Art Badewanne sein können: Fukurojuku, der Gott des Glücks, des Reichtums und des langen Lebens und der Weisheit, er hat einen überlangen Schädel (auch das imitieren die Helme gern), der ganzen Weisheit wegen. Aber all die Weisheit und das Glück und der Reichtum und das lange Leben haben ihn nicht das Lächeln gelehrt: Er schaut wie Rumpelstilzchen, bevor es seinen Namen findet. Lächeln Japaner niemals? Oder lächeln nur kämpfende oder weise Japaner nicht? Die japanischen Kinder, die von einer japanischen Führerin durch die Ausstellung geführt werden, sehr diszipliniert und aufmerksam, können zum Glück lächeln, sie können sogar lachen. Aber ein Samurai nicht. Denn ein Samurai –
Und an dieser Stelle drängt nun die Stimme aus dem Hinterkopf nach vor, und sie sagt, genau wie bei Mykene: Natürlich können die Ausstellungsmacher nichts dafür, auch die eifrigen und großzügigen SammlerInnen nicht, Samurai waren halt eine Kriegerkaste, und keine historische Kriegerkaste ist für ihre Frauenfeindlichkeit berühmt geworden! Männlichkeit ist, neben Gewalt, der Identitätspunkt, und immerhin hat man dann im 19. Jahrhundert in Japan sogar erkannt, dass bei allem bushido-ethos die Samurais besser – abgeschafft werden mussten, um eine etwas zivilisierter Heeresform zu entwickeln. Aber was war nun mit den japanischen Frauen? Konnten sie, durften sie lächeln, wenn der abgekämpfte Samurai nach Hause kam, die abgeschlagenen Köpfe im Schlepptau? Und was war, wenn sie auch kämpfen wollten? Gab es vielleicht – japanische Amazonen?


Zum Glück kann man Dinge nachlesen, die in Ausstellungen nicht gesagt werden, es reicht ja auch, wenn die Ausstellungen Fragen aufwerfen. Wenn frau nachliest, kann sie also finden (und für eine überblicksartige Erstinformation sei www.welt-der-samurai.de empfohlen): Frauen waren, wie in so vielen Kulturen, in der Frühzeit durchaus nicht unterdrückt; die frühen Göttinnen waren weiblich, wie beinahe überall, in Clans waren Frauen häufig die Oberhäupter, bis ins frühe Mittelalter war der weibliche Name der Familienname. Und auch, als die nun zutiefst männliche Samurai-Kultur im späteren Mittelalter begann Gestalt anzunehmen, bekamen die Frauen selbstverständlich eine kriegerische Grundausbildung; mussten sie doch sich selbst, die Kinder und den Haushalt verteidigen können, wenn der Mann mal wieder unterwegs war, Köpfe sammeln. Besonders beliebt als Waffe war dabei der Naginata, eine Stangenwaffe mit einem über einem Meter langen Schaft, an dem vorn eine gebogene Klinge befestigt war – eine Art Hellebarde mit großer Reichweite, nicht für den Nahkampf, und eine Waffe, bei der die Klinge, richtig geführt, sehr große Geschwindigkeiten erreichen kann und dadurch noch gefährlicher wird.

Aber natürlich wollte das gelernt sein, ebenso wie das Fechten und andere Kampfsportarten. Nitobe Inazo, der das Buch schrieb, das bushido auch in Europa bekannt machen sollte – es erschien genau 1900, hieß im Untertitel Die Seele Japans und zitierte gelegentlich Hegel und andere europäische Intellektuelle –, Inazo also schrieb über die Frauen, dass schon die jungen Mädchen im Geist des bushido dazu erzogen wurden, ihre Gefühle zu unterdrücken und sich im Kampf abzuhärten. Sie erhielten sogar zum Zeitpunkt ihrer Geschlechtsreife kleine Taschendolche (kai-ken), mit denen sie sich entweder gegen Vergewaltigungsversuche schützen konnten oder, so Inazo, nach vergeblicher Verteidigung selbst töten. Eine japanische Heldenjungfrau musste deshalb genau die Stelle wissen, wo die Kehle am besten durchzuschneiden sei; mehr noch, so Inazo: „Sie musste wissen, wie ihre Füße mit einem Gürtel zuzusammenzubinden waren, damit auch nach ihrem furchtbaren Todeskampf ihr Körper und ihre Glieder in vollständiger Sittsamkeit aufgefunden wurden. Ist diese Art der Vorsorge nicht einer christlichen Perpetua oder einer Vestalin Cornelia würdig?“ Und während man doch ein wenig vor Scham errötet – das moralische Vorbild des Christentums kann schon sehr zweifelhaft sein -, liest man noch, dass die Mädels aber auch Musik, Tanz und Literatur lernen durften, ja sollten; nicht nur um das „Eckige ihrer Bewegungen“ abzuschleifen, sondern zur „Reinigung des Herzens“.

Ob Tomoe Gozen wohl gelächelt hat, als sie ihren kleinen Taschendolch bekommen hat, ob sie getanzt hat, nach dem Training im Bogenschießen, und Gedichte rezitiert beim Kenjutsu, dem rituellen Schwertfechten? Tomoe Gozen nämlich war die bekannteste japanische Amazone; gelebt hat sie von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, und sie soll eine Dienerin des späteren Shogun Yoshinaka gewesen sein. Schön war sie, das berichten die alten Epen von ihr, aber auch eine Kriegerin, die es mit „Dämonen oder Göttern“ aufnehmen konnte. Sie zog mit Yoshinaka in den Krieg, und als die Niederlage in der Entscheidungsschlacht sich abzeichnete, schickte er sie weg, weil es unwürdig gewesen wäre, an der Seite einer Frau den Heldentod zu sterben. Da suchte sie sich selbst einen würdigen Gegner zum Zweikampf, besiegte ihn, „drehte seinen Kopf ab“, schmiss ihn dann aber weg und ritt nach Hause. Über ihr weiteres Leben weiß man wenig, sie soll in ein Kloster eingetreten und sehr alt geworden sein. Ihre Schwester im Geiste, Hangaku Gozen hingegen, kaum zwanzig Jahre älter, kommandierte sogar eine eigene Truppe im Krieg. Von ihr sind alte Darstellungen erhalten, die sie auf galoppierenden Pferden zeigen (Pferde waren den Samurai vorbehalten), in beiden Händen eine Waffe, den Pfeilköcher auf dem Rücken und die langen schwarzen Haare emporgebunden. Lächelt sie? – ach nein, das wäre wohl zu viel verlangt. Aber sie schaut nicht grimmig.


Samurai – Pracht des japanischen Rittertums
Kunsthalle München, 1.2.-30-6-2019
https://www.kunsthalle-muc.de/



Mykene in Karlsruhe, oder: Wo war Klytaimnestra?


Im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe kann man noch bis zum 2.6. eine kompakte und solide gemachte Ausstellung zu Mykene anschauen. Mykene ist eine der frühesten Hochkulturen auf europäischem Boden (von ca. 3.500 v.Chr. bis ca. 1200 v.Chr.), über die auch die Forschung nicht allzu viel weiß. Brockenweise sind vielleicht noch ein paar Reste in das humanistische Bildungswissen eingedrungen: Reisende werden sich an das gewaltige Löwentor erinnern, durch das man in die Stadt gelangt, von der nur Ruinen geblieben sind; die Löwen haben keine Köpfe mehr, es ist ein etwas verstörender Anblick, aber man kann noch ahnen, dass die sagenhaften Kyklopen die Mauern gebaut haben sollen.  Heinrich Schliemann hat hier gegraben, nachdem er mit Troja fertig war, er suchte das Grab des sagenhaften Agamemnon – und genau, Agamemnon, das war der Heerführer der Griechen gegen Troja, er sollte Helena zurückholen, die Schwester seiner Gemahlin Klytaimnestra; und Klytaimnestra war die Mutter von Iphigenie, Orestes und Elektra, also sozusagen dem Stammpersonal der attischen Tragödie und auch in der deutschen Klassik sehr beliebt als tragische Figur.

Mykene also hat unser aller Vorgeschichte geprägt. Der für seine originelle Wahl von beschreibenden Adjektiven bekannte Homer bezeichnet es wahlweise als das „breitstraßige“ und das „goldene“ Mykene. Gold kann man genügend sehen in der Karlsruher Ausstellung, die berühmte Goldmaske des Agamemnon, auf der er sehr mondgesichtig eingedrückt erscheint (es ist aber gar nicht seine, haben neuere Datierungen ergeben), und die entzückendsten Schmuckstücke, darunter feinziselierte Siegelringe, die man am liebsten mitnehmen möchte. Daneben sieht man vor allem – Kriegsgerät, darunter einen etwas befremdlichen Helm aus Wildschweinzähnen, aber auch eine allerliebste Sammlung von bunten kleinen Knöpfen. Natürlich war Mykene, wie alle Frühkulturen, ein Militärstaat; natürlich war dieser geprägt von einer Herrschaftsschicht, die – beinahe? – ausschließlich männlich war; und natürlich haben die Mykener ihren Toten – und aus Gräbern wissen wir das wenige, was wir über Mykene wissen – nicht nur goldene Siegelringe, sondern auch kupferne Schwerter mitgegeben auf der Reise in die Unterwelt. Man kann es also, und das soll deutlich gesagt sein, weder den Forschern noch den Ausstellungsmachern vorwerfen, dass Frauen in dieser Ausstellung – weitgehend abwesend sind; sie haben sich Mühe gegeben, es gibt immerhin eine Tafel zu dem Thema, und es ist nicht ihre Schuld, dass man einfach nichts weiß!

Insofern, Bildungsbürgerinnen: Geht nach Karlsruhe, und schaut das an, was von Mykene noch da ist – so schnell wird es nicht wieder zu uns kommen, und selbst in Griechenland sieht man nicht viel mehr! Und dann steht vor  von dem hölzernen Thron im nachgebauten Palastsaal (man darf sich wirklich draufsetzen!), geht weiter und überlegt, warum man nichts weiß von den Frauen in einer der frühesten Hochkulturen auf europäischem Boden. Was man zu wissen meint, ist (und das erläutert die Ausstellung auch auf einer Tafel): Es gab einzelne Frauen, die wahrscheinlich hochgestellte Funktionen im religiösen Kult hatten – Schrifttafeln berichten von einer „Schlüsselhalterin“, sie hieß Karpathia und hatte zwei Stücke Land (die sie aber nicht ordentlich verwaltete, klagt die Tafel). Wir begrüßen Karpathia, und wir finden es interessant, dass Frauen in der Antike durchaus hohe Stellungen haben durften in der religiösen Hierarchie, das sähe man heute auch gern wieder! Daneben durften Frauen auch arbeiten; vor allem in der Textilindustrie, die blühte nämlich und war schon recht spezialisiert, und hier waren Frauen offenbar als kompetente Hilfskräfte gefragt. Ein größerer Teil von ihnen allerdings waren wohl Sklavinnen, auf einem der vielen Kriegszüge der Männer eingesammelt samt Kindern und dann in die Textilfabrik geschickt. Textilien aber – nun, sie überleben die Zähne der Zeit nicht, nicht zweitausend Jahre und mehr jedenfalls, wie das eine oder andere rostige Schwert. Aber immerhin, wir sehen: Es gab arbeitende Frauen, auch wenn man nicht ganz genau weiß, ob das eine gute oder eine schlechte Sache war (es war wohl, wie die meisten Dinge in der antiken wie der modernen Welt, eine Mischung aus beiden, dicht verwoben wie ein – nun, vielleicht ein Helm aus Eberzähnen?).

Zudem hat man ein paar wenige Anhaltspunkte, wie sie aussieht, die mykenische Frau – also, die der Oberschicht natürlich, Klytaimnestra vielleicht und ihre Töchter Iphigenie und Elektra, die Schlüsselträgerin Karpathia: Sie war elegant gekleidet, sehr betont auf Figur ­– und falls der minoische Stil, auf den ein Großteil der mykenischen Palastkultur zurückgeht, schon en vogue war, trug sie ein sehr eng auf Taille geschnürtes langes Kleid, das oben in einer Art Korsett die Brüste frei ließ; so war jedenfalls auch die berühmte Schlangenpredigerin aus Kreta bekleidet. Ihre Haare waren schwarz und lockig. Da sie meist im Profil gezeigt wird, neigt sie zum Doppelkinn trotz ihrer Schlankheit, die Nase ist ein wenig knubbelig. Sie hatte jedenfalls sehr schöne, reichverzierte Kämme und Spiegel; sie verfügte zierliche Kosmetikgefäße und war ziemlich sicher auch geschminkt. Hilft uns das, sehen wir Iphigenie besser vorm Spiegel, das schwarze Haar in Locken legend und schmückende Bänder hindurch flechtend? – bevor sie auf dem Altar geopfert werden soll, von ihrem eigenen Vater, dem großen Kriegsherrn Agamemnon, wofür ihn Klytaimnestra hasste und Rache schwor und sie auch bekam, denn nachdem Agamemnon endlich siegreich zurückkam aus Troja, ermordete sie ihn mit ihrem Liebhaber und seine trojanische Geisel, die Seherin Kassandra, gleich dazu (was man in Christa Wolfs Erzählung Kassandra nachlesen kann, nein: nachlesen sollte, nein: nachlesen muss, vor allem wenn man etwas über Frauen in der frühen Antike wissen will!).

Mykene übrigens, das nur zum Schluss und während wir schon beinahe wieder am Ausgang stehen, wir haben aber vorher die Toilette im blauen Raum mit ihrem neckischen Logo bewundert ­– Mykene wurde nach einer Frau benannt, nach der gleichnamigen Najade nämlich; und von ihr schreibt Homer in der Odyssee – es geht an dieser Stelle aber eigentlich um Penelope, die listige Gattin des listenreichen Odysseus, die schon Jahre lang die Freier trickreich an der Nase herumgeführt hatte –, Homer schreibt also:

Hält sie [Penelope]  jedoch noch lange die Söhne Achaias zum Narren,
stolz sich der Gaben bewußt, die ihr Athene verliehen,
herrliche Handarbeiten zu schaffen, verständig zu denken,
Listen zu spinnen, wie wir sie noch niemals vernahmen von einer
jener lockengeschmückten achaischen Frauen der Vorzeit,
nicht von Alkmene und Tyro und der bekränzten Mycene –

Offensichtlich hat hier also schon eine Emanzipationsbewegung stattgefunden! Denn Athene hat die Frauen inzwischen nicht nur gelehrt, sich die Locken mit Kränzen zu schmücken – wofür die bekränzte Mycene steht –, sondern, man höre und staune: verständig zu denken! 

Ach, man muss für kleine Dinge dankbar sein. Wir hatten am Eingang zu Mykene begonnen, staunend waren wir vor den kyklopischen Stadtmauern mit den kopflosen Löwen verweilt. Wir hatten die Gräber durchwandert und von den Kriegen gelesen, wir hatten den großen Thronsaal gesehen (der in Knossos ist zwar schöner, aber notfalls reicht auch Karlsruhe) und ein wenig über die Goldmaske geschmunzelt. Aber dann hatten wir uns auf die Suche gemacht nach Klytaimenstra, wir hatten Karpathia kennengelernt und die antike Textil-Facharbeiterin, wir hatten schließlich ein wenig neidvoll die schlanke Taille der Priesterinnen bewundert – aber am Ende haben wir gelernt, dass Homer, ein Männerautor, wenn es je einen gegeben hat, auch freundliche Sätze über antike Frauen geschrieben hat (sie stehen aber nicht in der Ausstellung, sondern nur hier, bei schoengeistinnen.de! Wenn das den Besuch nicht wert war….

Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Sonderausstellung, 1.12.2018-2.6.2019
http://www.landesmuseum.de/website/Deutsch/Sonderausstellungen/Aktuell/Mykene.htm


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