Minutiae
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Gedichte, geschrieben 

Vor-Garten

Man kannte keinen Namen.
Wollte ihn nicht wissen.
Man wusste nur:
Dies ist ein Gelb, so strahlend wie die Sonne
selbst. Und seine Strahlen
konnte man zählen: einzeln,
und nicht wissen wollen
wie viele genau. Und Weiche ohnegleichen,
in schlanken Gliedern, viele
(ungezählt) im Kreis geordnet, der
die Sonne war: mit Sonnenflecken,
Sommersprossen, leuchtend ganz von innen,
vor einem Grün, das weder tief war
noch bedeutete: nur Hintergrund allein
für dieses Gelb, und rauer Stengel
seinem runden Strahlen.   

Hinter dem Haus aber
begann der große Garten:
Gemüse (mit Namen). Früchte,
die man nicht essen durfte,
nur heimlich, lange
vor der Reife,
im Übergang von hellem Grün zu hellem Rot,
mit Arbeit jeden Tag aufs Neue.   

Vor-Garten aber: kleines Reich
jenseits des Wissens und des Wollens
aller Großen,
gut versteckt im Offenen,
geordnet in sehr kleinen Kreisen und Quadraten,
umhegt von weißen Latten hin zur grauen Straße,
die hinaus führte (wohin? Ins später).  
Nie wieder wird der Flieder riechen
wie damals: als man ihn nicht kannte.  

                                     

Das Küchenfenster

Der Rahmen war aus weißem Holz.
Ein einfaches Geviert, mit Flügeln.
Man klopfte, es ward aufgetan,
und Düfte senkten sich herab 

am Ende einer langen Woche.
Endlich Backtag! Kuchenstücke,
ein einfaches Viereck, mit Streuseln,
frei verteilt, Essenz des Kuchens: Butter. Zucker. 

Und jeder durfte klopfen, der
hinanreichte gerade an das Fenster!
Von unten stiegen kleinen Hände auf,
von oben kam Kuchen herab: weiche Gabe. 

Keine Rezepte! Im Kuchenstück vereinten sich
Ur-Elemente: Mehl, Zucker, Hefe, Milch,
vielleicht gelegentlich ein Ei,
die Äpfel aufgelesen, nach dem Fall natürlich, 

doch alles ungewogen, ungemessen.
gerührt von Händen, frei geformt.
Und backte ohne Uhr. Wusste
die Zeit allein. War fertig und bereit. 

Die Hand jedoch, die gab, war hart.
Sie hatte schon gegeben, als
man selbst kaum noch ein Streusel war.
Und sie ein Leid, erzogen von zwei langen Kriegen. 

Demut? Wir dankten kaum, wir liefen
schnell wieder fort, mit Kuchen samt
den Streuseln. Schmausten im Garten,
dort, wo er besonders dicht war:  

Unter dem alten Apfelbaum.
Verstreute Streusel für die Ameisen.
Mit kleinen Mündern, warm vom Kuchen,
und hefeschnuppernd, zuckertrunken. 

War das Kindheit? Vorkosten
von Süße, ein Versteck, man wusste nicht
wovor, die blinde Hingabe an einen Duft,
ohne zu ahnen, dass er bleiben würde? 

Am Ende war sie blind. Schwer zu rühren
war sie schon lange Zeit zuvor.
Das Leben hatte kein Rezept für sie, und sicher
keine Streuseln, niemals. 

Aber mit einem Fenster,
das sie rahmte: weiß, wie das weiße Haar,
und Ur-Geruch nach Butter und nach Himmel
war sie versöhnt. Verschmolzen. 

(Im Himmel wird es Streusel geben, jeden Tag!). 


Koala

Er sitzt ganz ruhig. Die Daumen
abgespreizt, nicht zugreifend. Die Nase
ist ein großer schwarzer Knopf. Die Augen
kleine schwarze Knöpfe. Blankpoliert. 

Er sitzt, als säße er zwischen den Ästen
seit aller Ewigkeit. Nach innen schauend, lauschend
an allem Lärm vorbei. Sein graues Fell
verschluckt den Schall. 

Er sitzt, gehalten ohne Halt, als hätte er
die Welt gesehen von Anfang von. Aufrecht
aus freier Haltung. Damals, die Schlange,
sie umging ihn lange. Dann gab sie auf. 

Er sitzt. Kein Ausdruck trübt
das blanke Schauen schwarzer Knöpfe. Gefühle
prallen an ihm ab. Kein Knopfloch in der Welt
kann diese Augen schließen. 

Er sitzt. Er hat die Welt verdaut,
jetzt reichen ihm einzelne Blätter.
Koala: der nicht trinkt.
Ihn dürstet nicht mehr. 

(Zuhause liegt er, plüschig, weich
auf einem Bett. Ein großer Knopf die Nase,
zwei kleine sind die Augen.
Er kann nicht sitzen. 

Zu kurze Beine, hilflos abgespreizt,
ins Leere, Ärmchen, die nicht greifen können,
ausgestreckt ins Leere: Halt mich!
Ach, wer ihn halten könnte! 

Doch zappelnd geht die Welt an ihm vorbei) 

 

Ameisenbär 

Auf einmal war er da. Im Sprung:
Ein langer Schatten auf dem Fell,
ein schwarzer Riss mitten hindurch:
ein Dreieck, auslaufend 

in einen Schwanz, der buschig ist und schwer,
und einen Kopf. Schmal, hingedrängt
zu einer Spitze, noch verlängerbar
in einer Zunge, die hervorschnellt: 

sucht er? Nein, er springt, er hüpft,
ein Dreieck auf vier Füßen, lang-
gestreckt, die Ohren winzig, Augen
kaum zu sehen. Und doch

sein mutwilliges Springen im Gelände,
vorbei an kleinen Büschen, jetzt versteckt
in einer Kuhle, jetzt auftauchend wieder,
kreisend, hüpfend, ohne Sinn und Zweck 

dem Rhythmus folgend der vier Pfoten nur,
ein Dreieckstanz in einem
ungleichmäßigen Walzertakt,
punktiert gelegentlich:

Synkopen.
Aussetzer
Mitten im Lebensstrom. 

Um dann erneut
Ins Kreisen auszubrechen,
springende Dreieckspfeile,
grau-schwarz-weiß,
nur wenig Kopf.
(Das Gleichgewicht kommt aus dem Schwanz). 

Uralte Einzelgänger,
seit Millionen Jahren
im Gelände unterwegs.
Das Dreieck: Evolutionäre
Tarnvorrichtung. Es läuft
Aufs Junge zu, den Huckepack,
mit dessen kleinem Pfeil
der große erst vollständig wird.
Verlängert. Ausgezogen
In die Zukunft:
Pfeiles Spitze.

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