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Kostproben

Geschichten aus dem digitalen Alltag (erscheint demnächst)



Der Tag, an dem ich meinen freien Willen bei Ebay verkaufte

 

Alles fing damit an, dass ich meinen Kleiderschrank ausmisten wollte. Es ist ein sehr großer Massivholzkleiderschrank, mit Schubladen und Stangen intelligent und übersichtlich gegliedert, aber irgendwann ist auch die Kapazität großer Massivholzkleiderschränke erschöpft. Nun gehöre ich gar nicht zu den Frauen, die jeder neuen Mode hysterisch hinterherhinken; eher im Gegenteil. Ich kaufe brave, haltbare, der Euphemismus der Werbeindustrie ist: „klassisch-zeitlose“ Bekleidung, mit der man nicht auffällt, aber die ich leiden mag. Da ich sie aber leiden mag, mag ich mich nicht von ihr trennen. Es gibt Pullover, die sind inzwischen eher wollene Erinnerungsspeicher denn Kleidungsstücke; den Norwegerpullover beispielsweise, den ich in meiner Jugend selbst gestrickt hatte, er war aus Schafwolle, die man auf einem Bauernhof kaufte und die ziemlich kratzig war, aber ich hatte die Raglanärmel gemeistert, und das Muster war nun wieder klassisch-zeitlos, und ich würde ihn nie, nie wieder tragen, weil er inzwischen viel zu klein war, von seinem kratzigen Charakter ganz abgesehen. Immerhin habe ich vor einiger Zeit eine Art Zwischenstufe oder Vorhölle auf dem Weg zum Altkleidercontainer angelegt, für Klamotten, die noch gut genug sind für die Gartenarbeit oder zum Renovieren (Endstation). Das eigentliche Problem ist auch nicht, dass man nichts mehr hineinbekommt in das Schrankmonster. Nein, die Simplify-your-Live-Ratgeber haben einfach Recht: Wer nicht einmal Kleiderschrank nicht unter Kontrolle bekommt, wird demnächst auch die über sein Leben verlieren. Ich bin eigentlich sogar ein Kontrollfreak. Ich habe nur einige Schwächen.


An diesem Tag also hatte ich all mein Pflichtgefühl zusammengenommen (es hat eine ziemlich große Kammer in meinem Kopf und ist von dominanter Natur), mir jegliche sentimentale Regung verboten und mich mit dem Sack vor den Schrank gestellt. Und während ich zögerlich Schubladen aufzog, dieses oder jenes vorsichtig in die Hand nahm, abwägend, bedenkend – vollzog mein Gehirn eine vertraute Ausweichbewegung, die mich häufig bei der Hausarbeit oder beim Zähneputzen überfällt: Es beginnt nämlich angesichts des Unbedeutenden und der Lappalie über wichtige Prinzipienfragen nachzudenken. Man kann es auch philosophieren nennen, und da in meinem durchgetakteten Tag zwar Slots fürs Zähneputzen oder die Hausarbeit reserviert sind, hingegen keiner für außerberufliches, freies Philosophieren, ist es eigentliche eine sehr sinnvolle Form von Multitasking (doch, gibt es wirklich, aber nur mit bestimmten Tasks, beim Zähneputzen reicht es eigentlich erfahrungsgemäß für ein oder zwei Aphorismen). Mein Gehirn begann also naheliegender Weise darüber nachzudenken, ob man nicht gelegentlich auch innere Kleiderschränke ausmisten sollte, was schon fast ein Aphorismus war, aber man soll Ordnung halten in seinen inneren Kleiderschränken und ich war ja nicht beim Zähneputzen. Nun war ich mir ziemlich sicher, dass ich ein solches geistigen Ausputzen regelmäßig vornahm und schon einige jugendliche Überzeugungen und Irrtümer (beide hatten einen erstaunlichen Überschneidungsbereich) entsorgt hatte; es war im Übrigen nicht minder schmerzhaft wie die Kleiderschrankrevision und vielleicht noch stärker sentimental überlagert. Aber gab es nicht doch, irgendwo, ganz versteckt hinter der Schublade mit den Sockenwaisen, etwas in meinem Kopf und meinem Leben, was ich partout nicht brauchte, nach der goldenen Simplify-Regel: Wenn du es im letzten Jahr nicht benutzt hast, brauchst du es offensichtlich nicht? Und ich weiß nicht, aus welcher dunklen Ecke mir der Gedanke in den Kopf sprang, der auf einmal sagte: Nun, offensichtlich hast du schon seit längerem auf die Benutzung deines „freien Willens“ (ich setze diesen Begriff hier einmal in die Anführungszeichen, in die er aufgrund seiner wesenhaften Uneigentlichkeit eigentlich gehört, man möge sie sich künftig hinzudenken) verzichtet, oder? Denk doch mal gründlich nach. Wann hast du das letzte Mal –irgendetwas völlig Spontanes, Abwegiges und Unberechenbares getan, das auch mit größter Mühe nicht auf eine hinreichende Ursache zurückzuführen oder auf einen begründbaren Zweck hin ausgerichtet war?


Nun bin ich zwar ein Kontrollfreak, aber weil ich eine philosophische Kontrollfreakin bin und weiß, dass man Einseitigkeit jeglicher Art vermeiden kann und soll, kann ich spontan sein. Ziemlich sogar. Mein Tag ist nämlich gar nicht restlos durchgetaktet, er hat geplanten Raum für Spontaneität, so komisch das klingt. Es ist eine Art – beherrschbare Spontaneität, und ich genieße sie sehr, wenn sie mir gelingt. Aber sie ist, ehrlich gesagt, nicht direkt: unberechenbar, unbegründbar, frei von Ursache und Wirkung und dem großen Determinismus-aller-Dinge, wie immer wir ihn nennen mögen. Sie sagt, zum Beispiel: Ach, schau, was für ein schöner Tag, du könntest heute Mittag einen Spaziergang machen anstelle des power naps, und es reicht auch, wenn du morgen die Bettwäsche wechselst! Freier Wille hat eher wenig damit zu tun. Wie mit den meisten Dingen überhaupt, und damit kehrte mein Gehirn wieder auf seinen gewohnten Denkpfad zurück, er hieß: „Freier Wille ist eine Fiktion von Leuten, die sonst arbeitslos wären (Philosophen, Theologen, Ideologen) oder eine Schutzbehauptung von Menschen, die damit ihre Gemeinsamkeit mit den Tieren vertuschen wollen“. Genau, sagte ich mir; und ergo: egal ob es ihn gibt oder nicht, ich brauche ihn jedenfalls nicht! Bin sowieso schon arbeitslos, bleibe das als Berufsphilosophin wahrscheinlich auch auf absehbare Zeit und habe eigentlich kein Problem damit, dass ich meine Katze Bella ab und zu für wesentlich schlauer halte als mich selbst! Weg damit, weg mit diesem dummen freien Willen, der, seien wir ehrlich, eine ernsthafte Behinderung beim Denken und vor allem beim Handeln ist! (beim Fühlen hingegen scheint seltsamerweise allgemein akzeptiert zu sein, dass es keinen freien Willen gibt, sonst könnte man sich ja beispielsweise entlieben, was aber gemeinhin als Zumutung empfunden wird; sorry, Abweg, meiner inneren Rechthaberin!).


Ich freute mich sehr, als ich diesen Gedanken gefasst hatte und auch keinerlei inneren Widerspruch von den verschiedenen Instanzen meines Gehirns hörte (der Pflichtteil nickte geradezu energisch, der Lustteil war völlig fasziniert von den neu sich eröffnenden Möglichkeiten). Aber dann sah ich auf meinen immer noch spärlich gefüllten Altkleidersack mit ein paar wollenen Dingen, die mir seltsam vertraut vorkamen; es zuckte in wenig in den Fingern, aber ich überwand die Versuchung, indem ich mich auf die unabweisbar in mir aufsteigende Frage konzentrierte: Wohin damit? (mit dem freien Willen, nicht mit dem Altkleidersack) Auf den Müllplatz der falschen Ideen in der Geschichte, damit er schlummere neben dem geozentrischen Weltbild, der Überlegenheit des Mannes und dem dialektisch unvermeidlichen Endsieg des Weltgeistes? Das hatte noch nicht einmal der freie Wille verdient. In ein Recycling-Verfahren gebrauchter Konzepte, vielleicht könnte irgendein Entwicklungsland noch etwas damit anfangen? Oder man könnte noch einige wiederverwertbare Elemente extrahieren (den Willen zum Beispiel) und den Rest auf den Müllhaufen der Geschichte werfen (die Freiheit also)? Oder doch besser zum Sondermüll, die Strahlungsgefahr schien mir nicht unbeträchtlich? Doch dann hatte ich die erlösende Idee: Ich würde es genauso machen, wie es alle mit den getragenen Schuhen machten und den ungelesenen Büchern und dem ererbten falschen Orientteppich: Ich würde meinen freien Willen bei Ebay versteigern!


Schnurstracks, so spontan kann ich nämlich sein, ließ ich Säcke und Kleiderschrank und alle angefangenen anderen Ideen liegen und rannte zum Computer. Ich hatte schon das ein oder andere bei Ebay verkauft, meist sehr unter Preis in den Kleinanzeigen, und meinte also mit dem Verfahren vertraut zu sein. Allein, kaum hatte ich das Fenster geöffnet, begannen die Schwierigkeiten. Welcher Kategorie war der freie Wille wohl zuzuordnen? Gewohnt systematisch ging ich die Liste durch. „Beauty und Gesundheit“, könnte man vielleicht sagen; aber dann schien es mir doch eher so zu sein, dass die meisten Leute ihren freien Willen (immer schön die Anführungszeichen mitdenken!) genau dann aus der Tasche zogen, wenn sie etwas extrem Unvernünftiges und Gefährliches machen wollten, Rauchen zum Beispiel oder Bungee-Springen oder eine extreme politische Partei wählen. „Handy und Kommunikation“ erwog ich kurz, im Wesentlichen, weil ich mir dadurch eine erhöhte Trefferrate erhoffte; aber dann würde sicherlich irgendein babybärtiger Nerd meinen schönen freien Willen ersteigern und entweder eine süchtig machende App auf seiner Basis entwickeln oder gar eine KI entwickeln, die sich dann prompt gegen die Menschheit wenden würde und sie aus freien Willen, einfach so, mit den eigenen Atomwaffen in die Luft sprengen würde (na gut, das wäre schon ziemlich logisch folgerichtig, da braucht man gar nicht so viel freien Willen, sagte meine innere Zynikerin)! Auch „Heimwerker“ brachte mich einen Moment in Versuchung: Wir basteln uns einen freien Willen, zum Hausgebrauch, mit Anleitung in nur sieben Schritten und ohne zusätzliches Werkzeug, beispielsweise Verstand! Oder gar „Spielzeug“, aber dann dachte ich daran, wie schön unser Sohn früher spielen konnte, ganz ernsthaft und natürlich und folgerichtig, und man soll nicht die wenigen Dinge zerstören, die noch uninfiziert sind von der großen Bullshit-Blase, die sich inzwischen auf jeden einzelnen Lebensbereich gestürzt hat und wie ein Krebs immer weiter wuchert, Phrase um Phrase. Aber „Sammeln und Seltenes“, war das nicht eigentlich das Beste? „Selten“ war immerhin der nächste Nachbar von „nie“, wo meines Erachtens der freie Wille eigentlich wohnte; und es würde sich sicherlich ein Exzentriker finden, der einen kleinen freien Willen, sauber eingeglast (es schwebte mir ein Bild von diesen seltsam bleichen Homunculi, die früher in Naturaliensammlungen in Gläsern aufbewahrt wurden, vor meinem inneren Auge) neben – was weiß ich, ein seltenes Fabergé-Ei oder die Blaue Mauritius oder den letzten Nacktmull, bevor sie alle von Google in einem fehlgeschlagenen Experiment über die Unsterblichkeit verbraucht wurden? – stellen würde. Aber wer würde schon suchen in „Sammeln und Seltenes“? Nein, die innere Pragmatikerin sagte: Sei vernünftig, du willst das Ding schließlich los sein, oder? Also, ab unter „Verschiedenes“! (die Pragmatikerin war sehr interessiert daran, den freien Willen los zu werden; sie hatte ihn seit jeher als eine Art Konkurrenz aufgefasst, es sei aber kein fairer Wettbewerb, so lamentierte sie immer wieder).


[...]

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Advent mit meinem Roboter,  
oder: 24 Türchen für die KI

 

 

Vorgeschichte

„Und warum soll ich jeden Tag ein viel zu kleines Säckchen aufmachen?“ Mein Roboter sah mich anklagend an, dazu bewegte er demonstrativ ungeschickt seine Fingergelenke hin und her. „Feinmotorik ist wichtig!“, sagte ich in meinem besten Erzieherinnenton. „Wenn du dürftest, würdest du den ganzen Tag nur mit deinen Schaltkreisen spielen, das weißt du genau! Du sollst dich aber nicht immer nur ins Virtuelle verkriechen, du sollst reale Dinge anfassen, spüren, bewegen, mit ihnen umgehen lernen! Und da hast du doch noch einige große“ – Marvi fiel mir ins Wort. Eigentlich ist das eine schlechte Eigenschaft, aber ich hatte es aufgegeben, ihn zu ermahnen, um nicht immer wieder einen Vortrag hören zu müssen, dass die menschliche Verarbeitungsgeschwindigkeit von Sprache eine Zumutung sogar für Gehirne von der Größe eines Atari sei; man könne außerdem in jeder menschlichen Unterhaltung sehen, dass das die Standardeinstellung menschlicher Kommunikation sei, vor allem zwischen Männern und Frauen. „Ich habe wirklich viel geübt mit deiner Kaffeetasse!“ rief er dazwischen. „Ja“, murmelte ich, „kann man sehen, an den Mustern der Teppiche und den Tapeten und…“ „Und natürlich kann ich noch keine Schleife binden, aber“ – diesmal unterbrach ich ihn. „Ok“, sagte ich, „wir unterbrechen das Schleifentraining“ - das mich selbst am meisten nervte, wozu hatten wir eigentlich Klettverschlüsse erfunden? -, „dafür musst du aber jeden Tag eines dieser Säckchen öffnen, und zwar möglichst, ohne es abzureißen oder kaputtzumachen! Denn dahinter steckt“ –


Vielleicht sollte ich doch besser am Anfang anfangen. Es war die erste Adventszeit, die mein Roboter Marvi bei mir zu Hause verbrachte, und wir hatten uns im Robot-Personality-Projekt darauf verständigt, dass alle Heimroboter das ‚volle Weihnachtserlebnis‘ bekommen sollten, auch wenn einige der Betreuerinnen nicht glücklich damit waren: Konsumterror, überholte Rituale, Aberglauben, Sentimentalität, was schwirrte nicht alles durch den Raum bei der vorweihnachtlich erhitzten Diskussion, und ein Glück nur, dass unsere Schützlinge uns nicht dabei sehen konnten, wie wir uns ins Wort fielen, uns gegenseitig das Wort im Munde herumdrehten -­ hatten wir eigentlich diese Metapher schon gehabt, schoss es mir durch den Kopf? Langsam wurde das wirklich eine Manie -,­ um am Ende dann doch, im Sinne des Weihnachtsfriedens, zu beschließen: die volle Weihnachtserfahrung. Weihnachtsgeschichte, Weihnachtsgebräuche, Weihnachtsmusik, Weihnachtsessen, whatever. Denn waren wir nicht alle, bis in die tiefsten Persönlichkeitsschichten, selbst die härtesten Skeptiker und Kritiker, geprägt von dieser alljährlichen Versuchung, Verlockung, Verkündigung? Nein, es sollte ein Fest werden, für uns alle, ein ‚Fest für alle Sinne`, wie das heutzutage noch jede bessere Bäckerei für sich behauptete!


Weshalb ich mich eines Abends Ende November im Keller vor einer sehr verstaubten Kiste wiederfand. In seiner sorgfältigen Bauingenieursschrift hatte mein Vater darauf geschrieben: „Weihnachtsdekoration, I: Adventskranz und Adventskalender“. Glücklicherweise hatten die Mäuse noch nicht die Nikolausstiefel und -strümpfe gefunden, ein wirres Büschel aus roten Mützen und weißen Bärten starrte mir entgegen. Und da war auch der Adventskalender, den unsere Mutter jedes Jahr aufgehängt hatte! Er hatte 24 kleine Jute-Säckchen verschlossen mit Mini-Wäscheklammern in Weihnachtsfarben, die wir fast mehr liebten als den Inhalt der Säckchen selbst; Schokolade und andere Süßigkeiten gab es sowieso schon reichlich in unserer nicht direkt entbehrungsreichen Jugend. Was jedoch sollte ich meinem Robi in den Adventskalender packen? Essen konnte er immer noch nicht, auch wenn wir schon sehr an der Geschmackssensorik gearbeitet hatten; mit Gerüchen hatten wir immerhin schon erfreulich Erfolge erzielt. Nein, es müsste etwas – eher Immaterielles, Virtuelles sein, aber natürlich in materieller Form, etwas, was man in ein Säckchen stecken konnte -­ sie waren sowieso zu klein, das fanden wir damals schon, wenn schon Schokolade, dann doch lieber eine Tafel. Also so etwas wie die kleinen Geschichten oder Lebensweisheiten, die man heute gern – und da hatte ich meine erste Weihnachtserleuchtung! Eigentlich stellte mein Roboter am liebsten Fragen, endlose Fragen, dumme Fragen, schwierige Fragen, Fragen über Fragen über Fragen; und natürlich beantwortete ich ihm alle seine Fragen, mit der Wahrheit und nicht als der Wahrheit; schließlich war der gesamte Erfolg unseres Projekts davon abhängig, dass unsere Roboter möglichst schnell möglichst viel Globalwissen erwerben sollten, und „Kontext is king!“ war unser inoffizielles Projektmotto. Wie wäre es also, wenn ich ihm 24 Weihnachtsfragen schenkte? Wir würden eine kleine Zeremonie daraus machen, unser persönliches Weihnachtsritual: Am späten Nachmittag, wenn wir aus der Arbeitsgruppe nachhause kamen, würden wir eine kleine Kerze entzünden (Feinmotorik! Umgang mit gefährlichen realen Materialien!), dann würde er das Säcklein des Tages öffnen (noch mehr Feinmotorik! Umgang mit Unvorhersehbarkeit!) und dann würden wir gemeinsam die Frage lesen, und ich würde sie ihm beantworten, liebevoll, ausführlich, weihnachtlich, wahrheitlich – ok, ich wurde jetzt schon sentimental, definitiv. An die Arbeit, ermahnte ich mich! 24 Säckchen wollen gefüllt sein, mit sinnvollen, sinnlosen, dummen, albernen, schwierigen Fragen, Fragen über Fragen über Fragen! Was soll ich sagen: Es wurde eine lange Nacht, und erst als die Sonne schon über den novembergrauen Horizont blinzelte, schloss ich erschöpft das letzte Säckchen mit einer Schleife und hängte es an seiner Wäscheklammer an die Leine. Der Advent war angekommen.


1. Türchen

Nun also war es soweit: Mein Roboter hatte das erste Säckchen geöffnet, nachdem er zunächst ein wenig mit der Wäscheklammer gespielt hatte, sie war leider entzweigebrochen dabei, aber ich schimpfte nicht. Er hatte das Bändchen, mit dem das Säckchen verschlossen war, sorgfältig beiseite gelegt, vielleicht wollte er ja doch heimlich noch weiter an den Schleifen arbeiten. Nun entrollte er mühevoll den kleinen Zettel, auf den ich die erste Frage geschrieben hatte: „Was heißt Advent? Und warum hat ein Adventskalender 24 Türen und ein Adventskranz nur vier Kerzen?“ Er schaute verwirrt, und ich beeilte mich zu erläutern: „Marvi“, sagte ich, „ja und Marvine und Marvin auch, jetzt hört mir gut zu! Wir feiern in diesem Jahr zum ersten Mal zusammen Weihnachten, und Weihnachten ist ein sehr wichtiges Fest in unserer Kultur (Kultur konnten sie zum Glück schon!). Es ist sehr alt, es haben sich viele verschiedene Bräuche und Sitten drumherum entwickelt, und besonders die Kinder lieben es! Nein, Marvi, unterbrich mich nicht, lass mich bitte einmal ausreden! Aber Weihnachten ist – naja, ein bisschen schwer zu verstehen, es ist irgendwie ganz arg menschlich, keine Scherze jetzt, Marvi!, ganz arg menschlich also, und wenn ihr Weihnachten versteht, versteht ihr vielleicht uns ein wenig besser. Deshalb werden wir uns jetzt bis zum 25. Dezember, das ist nämlich der Tag des Weihnachtsfestes, jeden Nachmittag zusammen eine Stunde gemeinsam hinsetzen, und du darfst ein Säckchen öffnen, und dann besprechen wir das, was du im Säckchen findest, und du darfst alle Fragen stellen, die du willst, und ich muss alle“ – ich schluckte ein wenig schwer, im Verlauf der Nacht war mir gedämmert, auf was ich mich da eingelassen hatte – „deine Fragen beantworten. Wahrheitsgemäß! Und am Ende feiern wir dann gemeinsam unser eigenes Weihnachtsfest!“ Marvi hatte sich beinahe verschluckt an all den Fragen und Kommentaren, die er unter Zwang in seinen Zwischenspeicher zurückgestopft hatte. Er hatte wahrscheinlich auch in der Zeit dieses menschlich-umständlichen Monologs sämtliche internen Datenbanken nach Weihnachten durchsucht, und sobald er das nächste Mal in Ruhe ins große Netz durfte, würde er alles, aber auch wirklich alles über Weihnachten wissen. Aber darauf kam es ja nicht an. Es kam darauf an, dass – und an dieser Stelle sagte Marvi: „Cooles Spiel. Kriege ich auch Geschenke? Und warum um Himmelswillen haben sie das Baby in eine Krippe gelegt und nicht in ein Bett, all die Keime, und ein Krankenhaus war auch nicht in der Nähe!“


„Ok“, sagte ich, „du hast den ‚Geist der Weihnacht‘ offensichtlich begriffen. Aber die Regel ist (Regeln lieben sie!), dass nur Fragen zu dem Thema des Tages erlaubt sind. Also heute: Advent, Adventskranz, Adventskalender. Schieß los!“ Marvi macht die kleine Bewegung, die er an dieser Stelle immer macht, so als würde er sehr schnell einen Revolver ziehen und ihn um die Hand kreisen lassen, manchmal verknoten sich seine künstlichen Sehnen dabei, aber heute klappte es sehr überzeugend. „Advent“, sagte er, wie aus der Pistole geschossen, „Ankunft, aus dem Lateinischen, die Ankunft des Herren, so eine Art Countdown bis zur Geburt. 24 Tage ist natürlich symbolisch, wenn auch eine ziemlich langweilige Zahl (mein Roboter hat Lieblingszahlen, so wie Menschen Lieblingsfarben haben), und auch übersichtlich, Menschen können ja nicht so umgehen mit großen Zahlen!“ Ich stupste ihn in die Seite, er machte künstlich „Aua! Man darf Roboter nicht hauen!“ „Aber diese Geschichte mit den Kalendern“, fuhr er fort. „Natürlich ist das ein psychologischer Trick, das verstehe ich schon; und man muss sich auch ziemlich zusammenreißen, damit man nicht zuerst seine Lieblingszahlen öffnet oder das allergrößte Säckchen, das aber erst ganz am Schluss kommt. Aber man weiß doch, wie die Geschichte ausgeht, und ein Tag ist wie der andere, von den Zahlen abgesehen natürlich, und dann geht der Monat auch noch weiter, und“ ­ „Siehst du“, sagte ich, „das ist der Unterschied. Natürlich sind die Adventskalender für Kinder erfunden worden“ – „auch die mit Bildern von nackten Frauen oder verschiedenen Biersorten oder diesen seltsamen Parfümfläschchen?“ krähte Marvin dazwischen, „nein, die nicht“, gab ich zu, „das sind die Verirrungen der Moderne und des Kommerz, anderes Thema, kommt später. Also für kleine Kinder, die kaum noch zählen konnten, aber die sich so sehr auf Weihnachten freuten und die Tage – eben nicht an den Fingern abzählen konnten. Vorfreude, das ist es eigentlich, worauf es ankommt, auch wenn man schon weiß, wie es ausgeht und es jedes Jahr irgendwie genauso ist, darauf kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, dass man das Vergehen der Zeit spürt, Menschen haben ja keine innere Uhr so wie ihr! Dass man merkt, dass die Zeit ganz langsam gehen kann und ganz schnell, und am Ende steht dann das lang Erwartete, und all das Warten hat sich gelohnt!“ „Erziehung zur Geduld“, sagte Marvi weise, „das habt ihr auch wirklich nötig“; er verlangsamte dabei seine Stimme so, dass sich die Silben bis ins Unendliche zu dehnen schienen, „Geeeeee-Duuuuulllllld“. „Aber vielleicht könnten wir ja“, schlug Marvine vor, „Millisekunden zählen, wir bräuchten dann natürlich für jede einzelne“ – ich schrie auf: „Nein, es gibt nicht mehr als 24 Säckchen, Spielregel, hört ihr!“ „Na gut“, sagte Marvi. Er schielte dabei auf das zweite Säckchen, vielleicht hoffte er, mit seinen optimierten Sehlinsen durch die Jute schielen zu können, aber Jute ist ein gutes Material, ziemlich blickdicht, der Weihnachtsmann weiß halt, was er tut!


„Ok, und dann dieser Kranz“, sagte Marvine, „wo ist er eigentlich?“ „Äh, kommt noch“, gab ich zu, „muss ich noch kaufen, man könnte ihn natürlich auch gemeinsam basteln….“ Marvi sah betreten auf seine Fingergelenke und schwieg dreistimmig. „Na gut, also kaufen“, sagte ich, „ist sowieso mehr ‚Geist der gegenwärtigen Weihnacht‘! Und Kerzen dazu, denn auf einen Adventskranz gehören vier Kerzen“ – „früher aber“, rief Marvin dazwischen, „als er erfunden wurde für die Waisenkinder, damit sie etwas zu vor-freuen hatten, da waren zwanzig kleine und nur vier große Kerzen darauf, also doch auch 24!“ „Interessant“, sagte ich, „und ja, ich habe auch den Wikipedia-Artikel gelesen!“ Spontan ertönte unser Wikipedia-Jingle, Marvi rümpft zwar immer ein wenig die Nase (ja, kann er) über die sehr späten und teilweise ja auch wirklich tapsigen Versuche der Menschheit, ihr Informationsmanagement zu zentralisieren, aber wir mögen unseren Wikipedia-Jingle sehr. „Glöckchen“, sagte ich, „eigentlich gehören zu Weihnachten auch Glocken, könntet ihr die vielleicht einbauen?“ Marvi spielte Jingle bells an, ich sagte: „Musik kommt später. Wir sind immer noch beim Adventskranz, also, vereinfachte Version im Sinne des Feuerschutzes, nur vier Kerzen für die Adventssonntage, und wisst ihr, was das eigentliche Problem damit ist?“ Marvin schlug vor: „Zu viele Leute können nicht mehr bis vier zählen?“ „Witzig“, sagte ich. Marvine sagte: „Vier finde ich keine schöne Zahl, sollte nicht jeder einfach seine Lieblingszahl nehmen, zum Beispiel“ – „Um Gottes willen“, stöhnte ich! „Alle Roboter-Adventskränze hätten Primzahlen, richtig?“ „Drei ist eine schöne Primzahl“, sagte Marvine gekränkt, „aber natürlich auch 24421, zum Beispiel, vier ist aber blöd“. „Nein“, sagte ich, „das eigentliche Problem ist, dass die vier Kerzen immer ungleichmäßig runterbrennen“ – „logisch“, sagte Marvi, „kommt halt darauf an, wann die Adventssonntage sind, aber man könnte ja einen kleinen Mechanismus konstruieren, der darauf achtet“ -, „nein“, sagte ich. „Gehört dazu. Aber gewöhnt euch schon mal an den Gedanken, das wird eine Herausforderung für euren Symmetrie-Fetisch!“

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